Saturday, June 24, 2006

Mit den «Peker-Boys» auf WM-Kurs

Weder Brasilien oder Frankreich noch Italien hat bisher an den Fussball-Weltmeisterschaften 2006 die Fans am meisten begeistert, sondern Argentinien. Die «Peker-Boys» sind eine Klasse für sich. Und mittendrin schwingen zwei jüdische Stars das Zepter: der Trainer und der Captain.
Die Fussball-Gauchos haben in der WM-Vorrunde 2006 die Fans von den Sitzen gerissen. Mit einem offensiven und technisch brillanten Stil setzte sich die junge Mannschaft in Szene. Das Team um Cheftrainer José Nestor Pekerman ist eine Einheit, jahrelang zusammengewachsen, und die meisten heutigen Stars waren schon im Jugendalter bei Pekerman im Team und wurden dreimal Junioren-Weltmeister. Ihnen hat Pekerman das Vertrauen geschenkt und nicht den arrivierten Altstars, wie das beispielsweise bei den Franzosen der Fall ist. In Argentinien regiert die Jugend, und seine jungen Spieler enttäuschen Pekerman nicht. Deshalb nennt man sie in Argentinien die «Peker-Boys».
José Nestor Pekerman gilt in Argentinien als Genie, ist eine Legende als Jugendcoach und musste sich oft, seit er Nationaltrainer ist, von Experten oder der Prominenz – zum Beispiel von Maradona, der jetzt aber ein grosser Fan dieser Mannschaft sei – wegen seines eigenwilligen Wegs beschimpfen lassen. Aber er ist es, der diese grossen Talente wie Lionel Messi, Carlos Tevez, Maxi Rodriguez, Javier Saviola und Juan Pablo Riquelme seit ihrem Kindesalter zu dem geformt hat, was sie jetzt sind. Pekerman kommt aus Villa Dominguez, einer Stadt mit überdurchschnittlich vielen jüdischen Einwohnern für argentinische Verhältnisse. Deshalb nennt man das Städtchen im Volksmund auch «Mosesville». Pekerman, jetzt 56 Jahre alt, war zwischen 1970 und 1974 argentinischer Nationalspieler, und seit 1994 arbeitete er als erfolgreichster Junioren-Nationaltrainer aller Zeiten für den argentinischen Verband. 2004 übernahm er für das «müde und wenig erfolgreiche Idol» Daniel Passarella das Traineramt der Nationalmannschaft. Seine Eingriffe waren radikal und gingen ganz klar in Richtung Neuaufbau des harten Kerns der Mannschaft. Wird er mit seinem Konzept Weltmeister, liegt ihm Argentinien zu Füssen wie es einst Maradona zu Füssen lag. Wenn er mit seinem Mut zum Risiko nicht mindestens in den Halbfinal kommt, kocht zu Hause die Volksseele.
Schlüsselspieler und Captain
Einer, der den sogenannten Cut, den harten Schnitt von den arrivierten Stars zur Jugend in der Nationalmannschaft überstand, ist der langjährige Captain der «Gauchos», Juan Pablo Sorin. Sorin ist wie Pekerman auch jüdisch und die Seele der Mannschaft. Mit seinen 30 Jahren und der Erfahrung als wichtiger offensiver Aussenverteidiger spielt er das Bindeglied zwischen Defensive und Offensive. Sorin ist kein Zauberer, aber ein solider und überaus talentierter, fleissiger Aussenläufer moderner Prägung. Im Kopfballspiel wie auch bei seinen Flankenläufen kann er unwiderstehlich sein. Der Mann mit dem wehenden schwarzen Schopf zählt also zu den Schlüsselspielern im Konzept von Nationaltrainer Pekerman. Sorin ist eine fussballerische Allzweckwaffe, die gleichsam als linker Verteidiger, im zentralen defensiven Mittelfeld oder gar in die Rolle des Spielmachers schlüpfen kann. Ganz nach Bedarf und je nach Spielverlauf. Seine Dynamik und Zweikampfstärke machen ihn zu einer unverzichtbaren Grösse. Der U20-Weltmeister von 1995 ist schnell und ballfertig, verfügt trotz seiner eher bescheidenen 1,72 Meter Körpergrösse über ein exzellentes Kopfballspiel und ist dank seines grossen Laufpensums auch jederzeit torgefährlich, ohne seine Defensivaufgaben erkennbar zu vernachlässigen.
Vorrunde glanzvoll überstanden
Der Captain, bei seinem Heimatverein River Plate Buenos Aires bereits eine Legende, ist zwar an dieser WM weniger auffällig als die jungen Wilden im Team, aber er ist so wichtig, wie es der Brasilianer Cafu in derselben Rolle war beim Weltmeister von 2002.
Juan Pablo Sorin hat eine überaus erfolgreiche Saison erlebt: Als Nationalspieler und auch im Verein, wo er mit dem spanischen Villarreal Club de Fútbol bis in den Champions-League-Halbfinal vordringen konnte. Sorin und Crespo, Ayala und Aimar sind wohl die einzigen argentinischen Nationalspieler aus dem früheren Kader, die auch in den nächsten Jahren im Nationalteam eingesetzt werden dürften.
Sorin war 2002 Mitglied der Mannschaft, die als grosser Favorit überraschend in der Vorrunde der WM ausschied und ihr ganzes Land schockierte. Sorin ist einer von vieren aus dem jetzigen Team, welche das noch erlebt haben. «Wir haben da eine offene Rechnung», sagt Sorin. Denn grosspurig zu sein ist nicht seine Art. Auch nicht, nachdem die «Peker-Boys» die Mannschaft aus Elfenbeinküste mit einer starken taktischen Leistung und die Mannschaft aus Serbien-Montenegro mit begeistertem Offensivspektakel vom Feld schickten. «Wir sind gut drauf», sagt Sorin und bestätigt, dass die Versagensängste verschwunden seien. Sorin ist stolzer Captain der argentinischen Nationalmannschaft und sagt deutlich, wie er sich nach der überaus geglückten Vorrunde fühlt: «Wir werden unsere Seelen für den Sieg geben. Was wir in unserem Leben am meisten lieben, ist dieses Trikot. Und ich bin als argentinischer Jude besonders stolz, es als Captain zu tragen.»
Joël Wüthrich
tachles.ch

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