Wednesday, October 18, 2006

Wie hältst du’s mit dem Genozid?

Niederländische Parteien haben türkischstämmige Kandidaten von den Wahllisten gestrichen. Diese ­weigerten sich, den Genozid an den Armeniern als solchen anzuerkennen. von tobias müller, amsterdam
Wenn mein Urgroßvater ein Massenmörder war, kann er von mir aus zur Hölle fahren. Aber wieso muss ich mich vor Tante Truus und Onkel Jan dafür rechtfertigen? Weil es ihren Normen und Werten entspricht? Dann sage ich: Haut ab mit euren Normen und Werten!« Talip Demirhan ist wütend. Die Christdemokraten (CDA), in deren Vorstand er acht Jahre saß, strichen Ende September zwei türkisch­stämmige Kandidaten von der Liste für die Parlamentswahl im November. Sie hatten sich – ganz auf Linie mit den Nationalisten in der Türkei – geweigert, den Genozid an den Armeniern im osmanischen Reich 1915 als solchen anzuerkennen. Aus demselben Grund ersetzten auch die Sozialdemokraten (PvdA) einen ihrer Kandidaten.
Besonders wütend ist Demirhan auf die seiner An­sicht nach »verrückte« Erklärungsnot, in die nieder­ländische Politiker mit türkischem Hintergrund hinsichtlich des Genozids an den Armeniern mitt­ler­weile geraten seien. Dabei steht die jahrelange Weigerung der Türkei, den Völkermord anzuer­kennen, der Forderung der EU entgegen, An­kara solle zumindest einer unabhängigen Un­tersuchungskommission zustimmen und deren Ergebnisse akzeptieren.
Die Bezeichnung »Genozid« für die Depor­tation und Ermordung der Armenier steht in der Türkei noch unter Strafe. Die Niederlan­de gehören zu den 20 Ländern, die den Völkermord offiziell anerkannt haben. Die poli­tischen Parteien erwarten daher auch von ihren türkischstämmigen Kandidaten, dass sie dies tun. Weil sie das aber partout nicht wollten, verloren nun die Christdemokraten Ayhan Tonca und Osman Elmaci ihre Listen­plätze ebenso wie der Sozialdemokrat Erdinc Saçan, auf dessen Website der Tatbestand des Genozids zur Diskussion gestellt wird.
An der Basis beider Parteien kam es daraufhin zu Protesten. 30 CDA-Parteimitglieder türkischer Herkunft forderten beim Kon­gress der Partei Anfang Oktober, den als Ersatz aufgestellten Nihat Eski ebenfalls von der Liste zu streichen. Ein Kandidat, der den Geno­zid anerkennt, gilt ihnen als »Entschuldigungstürke«. Auch in der PvdA, die traditionell mehr auf migrantische Wählerstimmen setzt, ist das Thema nicht unumstritten. Nach dem Spitzen­kandidaten Wouter Bos steht Nebahat Albayrak, Tochter türkischer Einwanderer, auf dem zwei­ten Listenplatz. Der Druck auf sie ist groß. Die niederländischen Armenier fordern sie auf, die Dinge beim Namen zu nennen, während viele Türken sie als »Landesverräterin« beschimpfen. Die Partei will sie einerseits auf der offiziellen Linie wissen, andererseits ihre beachtliche türkische Wählerschaft nicht verlieren....
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