Was will ein Mann mit Migrationshintergrund mit folgendem Tweet
erreichen? “Wir sind hier, werden immer mehr und beanspruchen
Deutschland für uns. Ob du willst oder nicht.” Diese Worte wirken doch
wie gemacht für das Schüren von Ängsten vor der Zuwanderung und eignen
sich mithin bestens für rechte Propaganda. Hat der Autor hier aus
Naivität eine solche Steilvorlage geliefert? Kaum zu glauben, denn dort
steht als Urheber der Name Hasnain Kazim. Als Spiegel-Korrespondent in
der Türkei machte er kürzlich erst ehrenhafte Schlagzeilen, weil ihm das
Erdogan-Regime wegen seiner kritischen Berichterstattung die
Verlängerung der Akkreditierung verweigerte, woraufhin er die Türkei
verlassen musste. Der gebürtige Oldenburger hat indisch-pakistanische
Eltern und ist ein versierter Journalist, auch Träger einiger
Journalistenpreise. Man kann davon ausgehen, dass Kazim weiß, was er
schreibt. Und dieser Mann soll wirklich eine solch dumme Aussage in die
Welt geschickt haben? Im Netz kursieren Bilder dieses Tweets, oft mit
nicht gerade kuscheligen Kommentaren versehen. Kann es vielleicht sein,
dass diese Provokation Kazim einfach untergeschoben wurde, um Stimmung
zu machen?
Eigentlich erwarte ich, dass das so ist. Ein Journalist, der in der
Türkei Erdogan die Stirn bietet, kann doch daheim nicht so engstirnig
und verbohrt sein, um mit solchen Sprüchen zu provozieren und die
Polarisierung zu schüren. Und dass er, selbst doch eigentlich Deutscher,
von der Verdrängung der Autochthonen träumt, mag ich nicht glauben.
Also schaue ich mir Kazims Twitter-Seite an. Und siehe da: Das obige
Zitat kann ich nicht entdecken, nur wieder als Foto in Tweets von
anderen. Gelöscht haben soll Kazim dieses Gezwitscher, schreiben sie.
Er selbst kommentiert das nicht.
Gut, wenn jemand einen blöden Spruch wieder zurücknimmt, will ich
nicht nachtragend sein. Ich hätte ja nur gern gewusst, ob der nun
wirklich von ihm war. Indirekt beantwortet Kazim die Frage leider dann
doch mit diesem Tweet: “AfD-Vize Gauland sagt: ‘Heute sind wir tolerant,
morgen fremd im eigenen Land.’ Meine Antwort: Gewöhn dich dran, Alter!”[1]
Die Hardliner in der AfD sollten sich für solche Kampfansagen öfter
mal bedanken. Oder haben sie sich an die unfreiwillige Wahlkampfhilfe
dieser Art mittlerweile schon gewöhnt? Interessant ist ja außerdem, dass
sich die überregionalen Medien zwar beinahe in Echtzeit an jeder
kleinen Äußerung von AfD-Granden zu Problemen der Zuwanderung oder zum
Islam abarbeiten, während sich an den antisemitischen Auslassungen eines
Wolfgang Gedeon, AfD-Abgeordneter in Baden-Württemberg, wochenlang kaum
ein deutscher Journalist gestört hat.
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