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Wednesday, June 21, 2017

Realitätsverweigerung

Kurz vor der für Mittwoch geplanten Debatte des 2. Expertenberichts Antisemitismus im Deutschen Bundestag hat der Zentralrat der Juden in Deutschland den Umgang des Parlaments mit dem rund 300 Seiten starken Dokument kritisiert. Vor zwei Jahren in Auftrag gegeben, sind für die Diskussion des Berichts nun ganze 65 Minuten vorgesehen, Beschlüsse sollen aber nicht gefaßt werden.
Da im September ein neuer Bundestag gewählt wird, wird dies die erste und letzte Befassung der Parlamentarier mit den Ergebnissen ihres Auftrags sein. Wann und in welcher Form der nächste Bundestag mit dem Bericht auseinandersetzen wird, ist ungewiß. Damit aber werde, so Dr. Josef Schuster, der Präsident der jüdischen Interessenvertretung, fahrlässig wertvolle Zeit verspielt.
Während der Unabhängige Expertenkreis seinen Bericht mit Handlungsempfehlungen ergänzt, von denen einige so naheliegend scheinen, daß man sich wundert, daß sie noch nicht längst umgesetzt sind, haben es die Abgeordneten nicht eilig. »Es droht viel Zeit verloren zu gehen«, beklagt der Präsident des Zentralrats völlig berechtigt. Die bloße Kenntnisnahme ist ein Armutszeugnis.
Die Abgeordneten bestätigen damit auf anschauliche Weise eine Kernthese des Expertenkreises. Antisemitismus wird von der deutschen Mehrheitsgesellschaft verdrängt, verharmlost, verleugnet, die von ihm ausgehenden Gefahren ignoriert. Wozu, die Frage drängt sich auf, wozu leistet man sich ein Expertengremium, wenn man dessen Rat dann doch vernachlässigt und es so beleidigt?
 http://www.tw24.net/?p=13681

Friday, September 12, 2014

Normalität

Im Tagesspiegel kommentiert der Kulturjournalist und Schriftsteller Peter von Becker die für Sonntag vom Zentralrat der Juden in Deutschland angekündigte Kundgebung gegen Judenhaß. Glaubt man dem Autor, könnte die Demonstration wohl ausfallen, denn die Lage für Juden in Deutschland sei zwar irgendwie “schlimm” – wenn es etwa “Anschläge auf Synagogen [..] gibt” -, aber zugleich herrsche doch auch schönste “Normalität”:
“[E]s entspricht allen langjährigen Einschätzungen, dass es in jeder Bevölkerung etwa 20 bis 25 Prozent Menschen mit mehr oder weniger starken Vorbehalten gegen Minderheiten (nicht nur Juden) gibt: Unbelehrbare, rational oft nicht erreichbar.”
Weshalb also die ganze Aufregung? Für Peter von Becker schürt der Zentralrat der Juden Angst: “Wer allerdings in den letzten Wochen etwa in die ‘Jüdische Allgemeine’, eine wichtige, vom Zentralrat herausgegebene Wochenzeitung geschaut hat, den muss es gruseln. Gedruckt oder online ist von einer ‘Explosion des Antisemitismus’ die Rede, vom ‘Mob’ auf den Straßen und im Internet.” Juden würden zwar aus Frankreich flüchten, nicht jedoch aus Deutschland.
Die Zahl der in Deutschland lebenden Juden, und das verschweigt der Autor, nimmt gleichwohl ab, Zuwanderung aus Rußland oder Berlin-Abenteuer junger Israelis halten den Trend – leider – nicht auf. Denn auch für die “hippe” deutsche Hauptstadt gilt, was bereits vor einem Jahr der Antisemitismusforscher Robert Wistrich sagte: “Any clear-sighted and sensible Jew, who has a sense of history, would understand that this is the time to get out”.
“All over the continent, the climate of opinion is ‘very, very hostile to Israel, and it automatically affects Jews,’ he said. ‘The only Jews it does not affect are those who very loudly and ostentatiously denounce Israel. For the time being they’re okay, but that too will change eventually… It’s an irreversible trend at this point in time.'”
Im letzten Absatz seines Kommentars zeigt Peter von Becker, wie weise diese Worte waren: “Der Zentralrat der Juden [sic!]“, klagt der Journalist, verwechsle “Solidarität mit dem Staat Israel mit einer Parteinahme für israelisches Regierungshandeln”, “beispielsweise” fehle “es in der von ihm herausgegebenen ‘Jüdischen Allgemeinen’, die gerade den Gaza-Krieg bilanziert, an fast jeder Empathie für die 2000 getöteten Palästinenser”.
Nach Angaben von “Palästinenserpräsident” Abu Mazen sind unter diesen “Palästinensern” mindestens 861 Mitglieder seiner Fatah, von denen 120 durch die Hamas ermordet worden seien, während die anderen sich auch an Angriffen auf Israel beteiligt hätten. Anderswo kann man derweil eine zunehmende Zahl angeblich getöteter “Zivilisten” in Uniform und als mit martialischen Postermotiven geehrte “Märtyrer” bewundern.
Peter von Becker empfiehlt in Deutschland lebenden Juden, auch um diese Terroristen – verhinderte Judenmörder – zu weinen. Deutsche Normalität.
 tw24

Thursday, September 04, 2014

Feigenblatt

Am 14. September veranstaltet der Zentralrat der Juden in Deutschland in Berlin eine Kundgebung unter der Überschrift “Steh auf! Nie wieder Judenhaß!” Nachdem im Sommer autochthone wie importierte Antisemiten öffentlich “Juden ins Gas” wünschten, Adolf Hitler hochleben und israelische Flaggen in Flammen aufgehen ließen, ist es zweifellos richtig und wichtig, Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen.
Das Potential dazu hat die Veranstaltung am übernächsten Wochenende gewiß. Dennoch drängen Fragen sich auf. So wirft Henryk M. Broder berechtigt ein, daß es doch eigentlich nicht Sache der Juden sein sollte, “etwas gegen den Antisemitismus zu unternehmen”. In Deutschland leben kaum mehr als 100.000 Juden, fand keiner der restlichen 80,6 Millionen Bewohner Deutschlands, es sei Zeit für eine Großkundgebung?
Immerhin beispielsweise nannte Bundeskanzlerin Angela Merkel die antisemitischen Aufmärsche im Sommer einen “Versuch, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zu erschüttern”. So groß war die Gefahr für die FdGO dann aber offenbar doch nicht, den Urlaub zu unterbrechen und ihr Kabinett zu einer Sondersitzung zusammenzurufen. Würden brennende Synagogen die FdGO wirklich gefährden?
Mit seiner Kundgebung und ihrer Zulassung als offizielle Unterstützer erspart der Zentralrat der Juden in Deutschland den im Bundestag vertretenen Parteien und ihren Stiftungen, sich mit ihrem Versagen in diesem Sommer – aber auch darüber hinaus – zu beschäftigen. Im Mai etwa wurde bekannt, daß es Regierung und Parlament nicht eilig haben, die vor Jahren angekündigte “Antisemtismus-Kommission” zu berufen.
Und was ist von den parteinahen Stiftungen als Teilnehmern an einer Demonstration gegen Antisemitismus zu halten, denen über alle politischen Lager hinweg regelmäßig und ebenso unwidersprochen wie folgenlos vorgeworfen wird, in “Palästina” Kräfte zu unterstützen, die weder für ein friedliches Zusammenleben mit Juden eintreten noch sich mit der Existenz Israels abfinden wollen?
Auch mit seinem “Ehrengast” Joachim Gauck sendet der Zentralrat der Juden in Deutschland ein zweifelhaftes Signal. Der Bundespräsident gehört zu den Erstunterzeichnern der “Prager Erklärung”, mit der Geschichte verfälscht und der Holocaust letztlich verharmlost werden. Kann jemand, der die Befreier von Auschwitz gleichsetzt mit den Planern des Genozids an Juden, glaubwürdig gegen Antisemitismus eintreten?
Man möchten den Veranstaltern der Kundgebung “Steh auf! Nie wieder Judenhaß!” sichtbaren wie nachhaltigen Erfolg wünschen. Mit der Wahl ihrer Unterstützer haben die Organisatoren gewiß dafür gesorgt, daß ersterer eintritt. Demonstriert man aber gemeinsam mit Organisationen und Persönlichkeiten, deren Verhältnis zu Antisemitismus bestenfalls ungeklärt ist, bleibt es beim bedeutungslosen Symbol, das morgen vergessen ist.
tw24