Sunday, August 09, 2015

Charlie Hebdo: Gegen die Islamophobie-Industrie

Der Vorwurf der „Islamophobie“ wird auch nach den Anschlägen von Paris oft erhoben. Er soll kritisches Denken verhindern. Diese Kultur des Relativismus und der Selbstzensur muss weichen, findet Brendan O’Neill. Sie steht einer Erneuerung der Aufklärung im Wege. Es gibt für Europa wohl kaum einen besseren Weg, die im Januar in Paris ermordeten Journalisten und Zeichner zu ehren, als den Begriff „Islamophobie“ aus unserem Vokabular zu streichen. Denn diese leere, zynische, elitäre Phrase, dieser multikulturelle Dünkel hat wie keine andere die Vorstellung befördert, dass fremde religiöse Überzeugungen und Kulturen von Spott verschont bleiben sollten. Die weit verbreitete, aber häufig unreflektierte Verwendung des „I-Worts“ pathologisiert schon das Abgeben eines Werturteils. Der Begriff der „Islamophobie“ hat die völlig legitime Überzeugung, dass einige Glaubenssysteme anderen unterlegen sind, in eine diffuse, irrationale Angst – mit anderen Worten in eine Phobie – verwandelt, die Ächtung oder gar amtliche Ermittlungen nach sich ziehen sollte. Die Überzeugung der zwei Attentäter von Paris, dass die „islamophoben“ Charlie-Hebdo-Zeichner Bestrafung verdienten, sollte niemanden überraschen. Die Attentäter sind schließlich in Europa aufgewachsen – einem Kontinent, der so durchsetzt ist von Relativismus und einer Werturteils-Allergie, dass sogar die Aussage „die Werte der Aufklärung sind besser als islamische Werte“ quasi als Verbrechen, als Indiz für einen verwirrten, sündigen Geist gewertet wird. Nichts hat die Diskrepanz zwischen den Behauptungen der Islamophobie-Industrie und der europäischen Realität so sehr verdeutlicht wie die jüngsten Ereignisse. Das Blut in den Charlie-Hebdo-Büros war noch nicht trocken, als sich die Mainstream-Medien mit an Pietätlosigkeit grenzender Eile vom schrecklichen Schicksal der zehn Journalisten abwandten und begannen, sich über die Gefährdung der europäischen Muslime Sorgen zu machen. Wir alle sollten Angst vor der sich anbahnenden „islamophoben Reaktion“ haben, warnte ein sensationsheischender Journalist. [1] „Islamophobe werden diese Gräueltat nutzen, um ihren Hass voranzutreiben“, tönte der britische Guardian. [2] Aber es gab keine pawlowsche Reaktion. Abgesehen davon, dass Granatenblindgänger in den Hof einer Moschee in Le Mans geworfen wurden – gewiss ein schlimme Tat –, ist es zu keinem Massenausbruch einer gegen Muslime gerichteten Wut gekommen.
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