Der Antisemitismus äussert sich in Europa wieder öfter und aggressiver. Im Frühling löste ein Vorfall in der deutschen Hauptstadt öffentliches Entsetzen aus: Ein junger Mann drosch mit einem Gürtel auf einen Passanten ein, der eine Kippa trug. Im Sommer erschütterte dann der Mord an der Jüdin Mireille Knoll in ihrer Wohnung ganz Frankreich. Die 85-Jährige war eine Überlebende des Holocaust. In beiden Fällen waren die mutmasslichen Täter Muslime – wie bei vielen anderen antisemitischen Übergriffen, welche in letzter Zeit zum Thema von Medienberichten wurden.
Michael Wolffsohn, deutsch-jüdischer Historiker und Publizist, macht sich in «NZZ-Standpunkte» mit dem NZZ-Chefredaktor Eric Gujer und der Politikphilosophin Katja Gentinetta Gedanken über die Zunahme der Aggression und die Bedeutung der muslimischen Einwanderung für den neuen Judenhass.Wolffsohn identifiziert drei Quellen des zeitgenössischen Antisemitismus: «Extrem rechts, extrem links und muslimisch.» Die gefährlichste Quelle sei die muslimische, denn diese habe eine «liquidatorische» Ausprägung, sagt der Historiker und verweist auf den Mord an Mireille Knoll. Das heisse natürlich nicht, dass alle Muslime diesbezüglich gewalttätig seien, stellt er klar.
Die muslimische Einwanderung spiele bei diesem Phänomen eine entscheidende Rolle, denn «wer Menschen importiert, importiert auch deren Sorgen, Ängste und Konflikte». Je mehr Personen aus den Ländern des Nahen Ostens nach Europa kämen, desto öfter werde der Streit zwischen Juden und Muslimen um Israel auch hier ausgetragen, so seine Analyse.In Europa finde dieser muslimische Antisemitismus zudem offene Verbündete bei Linksextremen. In diesem Milieu gebe es auch einen «liquidatorischen» Judenhass, so Michael Wolffsohn. Er verweist auf den ersten Anschlag einer Vorläufergruppe der Rote-Armee-Fraktion im Jahr 1969. Ziel des Bombenanschlags im damaligen Westberlin war ein jüdisches Gemeindehaus. «Die Etikette war antiisraelisch, antizionistisch, antikolonialistisch. Aber es richtete sich gegen Juden.»Für den linken Antisemitismus sieht Wolffsohn neben dem antiimperialistischen Reflex gegenüber Israel, das zudem ein wichtiger Verbündeter der USA ist, einen weiteren Grund: «Die Linke hat – vereinfacht gesagt – den Juden nicht verziehen, dass sie in der Mehrheit nicht sozialdemokratisch oder sozialistisch gewählt haben, sondern liberal.»
Auch auf der Rechten ist Judenhass virulenter geworden. Doch «der alte rechte Antisemitismus ist nach 1945 in die Defensive geraten», so Wolffsohn. Im Gegensatz zum Antisemitismus der Nationalsozialisten sei der Judenhass von rechts heute lediglich «diskriminatorisch» und nicht «liquidatorisch». Der Unterschied: Juden würden zwar ausgegrenzt, beschimpft und zum Sündenbock gemacht – aber nicht umgebracht. Im Gegensatz zu Linksextremisten sei bei Rechtsextremisten eine Zusammenarbeit mit muslimischen Antisemiten noch nicht erkennbar – obwohl es eine solche in der Vergangenheit ebenfalls gegeben hat. Im Zweiten Weltkrieg kooperierten arabische Nationalisten mit den Nazis, weil sie gemeinsame Feinde hatten: die Kolonialmächte England und Frankreich sowie die erstarkende zionistische Bewegung.
nzz.ch
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