Wednesday, May 11, 2016

Ich will meine Parallelgesellschaft wieder haben!

Am vergangenen Donnerstag – Feiertag, Sonnenschein, Frühling – hatten sich zahlreiche Menschen, vermutlich in der Mehrzahl urbane Durchschnittsbürger, in der Frankfurter Innenstadt auf der Außenterrasse eines Straßencafés eingefunden, um dort ihre Freizeit zu genießen. Zugleich hatten Angehörige von zwei verfeindeten Rockerbanden, wie hernach zu lesen war, der lokalen deutschen und der lokalen türkischen Hell’s Angels-Sektionen, eben dieses Straßencafé als Schauplatz für eine gemütliche Feiertagsnachmittags-Schießerei ausgeguckt.
Es handelte sich also eben gerade nicht um zwei parallel angeordnete Entitäten, um zwei in unterschiedlichen Parallelwelten angesiedelte Straßencafés, die sich irgendwo in der Unendlichkeit des Kosmos vielleicht einmal näherkommen, sondern um eine höchst konkrete Schnittmenge, um ein und dieselbe Infrastruktur in der Bleidenstrasse in Frankfurt am Main. Die beiden Gruppen, zum einen kaffeetrinkende Normalbürger, zum anderen schwer bewaffnete Kriminelle mit Geschäftstermin,  teilten sich an jenem sonnigen Mainachmittag die Örtlichkeit, wobei die Normalbürger durch die zahlreichen abgefeuerten Schüsse, die um die Ohren pfeifenden Kugeln, in Blutlachen liegenden Einwohner der Hell’s Angels-Parallelwelt, Sirenengeheul, Ambulanzen und polizeiliche Ermittlungen bei der Verfolgung ihres Freizeitprogramms vermutlich erheblich gestört wurden.

Schießerei mitten im Schnittmengen-Cafe

Der hochrangige Kriminalbeamte äußerte im am nächsten Tag abgedruckten Interview die Vermutung, daß die Szenevertreter der Rocker-Parallelwelt bewußt diesen Schauplatz ausgesucht hätten, um die von der jeweiligen Sektion angestrebte Dominanz im Frankfurter Rotlicht-Viertel in der Öffentlichkeit zu demonstrieren und bei dieser Gelegenheit die kaffeetrinkenden Normalbürger zu beeindrucken oder einzuschüchtern. Die Schnittmenge Straßencafé war also nach strategischen Gesichtspunkten ausgesucht worden. Logisch, denn bestimmte Interaktionen zwischen Menschen erfordern die Anwesenheit des anderen. Jeder, der schon einmal allein im stillen Kämmerlein der nur imaginär gegenübersitzenden Schwiegermutter aus vollem Herzen die Meinung gegeigt hat, weiß, daß die emotionale Entlastung in diesem Setting unbefriedigend bleibt.
Feierabends in Berlin. Neulich in Berlin, um die Ecke vom KaDeWe, auf der Tauentzienstraße, lieferten sich zwei übermotorisierte junge Männer mit türkischem Migrationshintergrund (aus der „Parallelwelt“ Kreuzberg ?) am hellichten Tage mit ihren Boliden ein Autorennen. Ein bis dahin in der vermeintlich schützenden „Parallelwelt“ seines privaten PKWs vorschriftsmäßig vor sich hin fahrender 69-jähriger Verkehrsteilnehmer bezahlte seine unfreiwillige Teilnahme an der Sportveranstaltung mit dem Leben, weil er einem der schleudernden Rennfahrer in die Quere kam. Dummerweise waren die beiden Motorsportler nämlich nicht auf einer „parallelen“ Tauentzien-Straße mit Nürburgring-Ausstattung und Sturzräumen unterwegs, sondern teilten sich ihre Rennstrecke mit den anderen Berliner Autofahrern im Feierabendverkehr.

Lieber Nürburgring als Tauenziehstrasse

Vor vielen Jahren konnte man sich für etwa fünf Deutsche Mark eine Runde auf dem guten alten Nürburg-Ring kaufen, man fuhr dort – schon aus Sicherheitsgründen - ganz allein auf weiter Flur. Das war beeindruckend, ehrfurchtgebietend und irgendwie unwirklich. Ich bin mit meinem Motorrad ganz langsam dahingetuckert und habe mich wie auf einem anderen Stern gefühlt, in einer echten Parallel-Welt. Aber es war außer mir auch kein Mensch da, den ich hätte beeindrucken, provozieren, erschrecken, gefährden oder totfahren können. Dafür braucht es die Schnittmenge.
Silvester 2015 in Köln. Auch die bereits für die Geschichtsbücher vorgemerkte Silvesterparty zu Köln fand nicht auf zwei voneinander isolierten, parallelen Domplätzen statt, sondern an einem Schnittmengen-Ort, wobei man dennoch sagen kann, daß an jenem Abend dort zwei Welten, oder eher zwei Zivilisationen nach Samuel P. Huntington aufeinandertrafen.
Die im Anschluss an die bekannten Ereignisse von der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker geäußerte Anregung, diese anbrandende, antanzende „Zivilisation“ doch auf einer Armlänge Abstand zu halten, wurde kurz darauf aus der politisch unkorrekten Ecke auf einem Demo-Transparent so beantwortet: „Armeslänge ? Mittelmeer-Breite!" Neben der potentiell konfliktträchtigen Schnittmenge gibt es ja noch die Tangente, also die Berührungslinie, oder eben die tatsächlich getrennten Welten.
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