von Ramiro Fulano, zu.Zt. Washington D.C.
Knapp neunzig Minuten nach ihrem Eintreffen auf der Gedenkfeier am
Ground Zero ließ sich Frau Clinton von ihrem Sicherheitspersonal diskret
zum nächsten Bürgersteig bugsieren, weil sie nicht mehr gehen und
stehen konnte. Gegen einen Poller gelehnt wartete die Spitzenkandidaten
der Democrat Party dann mehrere Minuten auf das Eintreffen ihres
Fahrzeugs. Als der Family Van schließlich vorfuhr, gelang es Frau
Clinton offensichtlich nicht, die paar Schritte bis zum Einstieg ohne
fremde Hilfe zurückzulegen: Ihre Knie versagten und sie stürzte. In
einem Augenzeugenvideo sieht es so aus, als würde sie von ihren
Begleitern auf allen Vieren in den Innenraum des Wagens gezerrt und
geschoben. Es war kein würdiger Abgang für eine Person, die das
mächtigste Amt der westlichen Welt bekleiden möchte.
Nachdem die Clinton-Kampagne alle Zweifel am Gesundheitszustand der
Kandidatin wochenlang als „Ausdruck von Sexismus“ attackierte, heißt es
jetzt, Frau Clinton habe bereits seit drei Tagen eine Lungenentzündung.
Ihr dauerndes Husten in der letzten Woche wurde zuerst als „Allergie“
bezeichnet und wiederholte Aussetzer während öffentlicher Auftritte
wurden als „Nebenwirkung“ einer erhöhten Histamin-Dosis abgetan. Bereits
2012 war Frau Clinton, damals noch Außenministerin der USA, sechs
Monate lang wegen einer „Gehirnerschütterung“ komplett von der
Bildfläche verschwunden. Aber es hieß schon so vieles über Hillary. Ein
Schelm, wer sich angesichts ihrer Presseerklärungen an die medizinischen
Kommuniqués aus dem guten alten Kreml erinnert fühlt. Oder an den
Breschnew-Kollaps im Kanzlerbungalow bei Helmut Schmidt, seinerzeit noch
in Bonn.
Selbstverständlich ist es ein ernstzunehmendes
Kommunikationsproblem, wenn das politische Personal plötzlich krank
wird. Als Winston Churchill während einer Nordamerika-Reise 1942 einen
kleinen Herzinfarkt hatte, wurde die Sache komplett totgeschwiegen –
nicht mal der Patient wusste etwas davon (Sir Winston galt als sehr
redselig und hätte sich leicht verplappern können). Und dass Präsident
Roosevelt an einem Muskelschaden aufgrund von Polio litt, wurde vor
laufenden Kameras ebenfalls so gut es ging vertuscht. Wichtiges
Personal, das nicht ganz bei Kräften ist – wo gibt’s denn sowas? Aber
seit den Tagen von Roosevelt und Churchill sind über siebzig Jahre
vergangen und im Westen hat man sich daran gewöhnt, dass auch Staats-
und Regierungschefs nur Menschen aus Fleisch und Blut sind. Theresa May,
die Premierministern des Vereinigten Königreichs, macht aus ihrer
Diabetes (und den sich daraus ergebenen besonderen Anforderungen)
keinerlei Hehl – warum auch! Millionen Menschen leben erfolgreich und
glücklich trotz dieser Erkrankung.
Doch bei der Clinton-Kampagne gehen die Uhren anscheinend anders.
Erst hieß es, Gerüchte über den Gesundheitszustand ihrer
Spitzenkandidatin wären „Verschwörungstheorien“. Dabei war es wochenlang
offensichtlich, dass Frau Clinton nicht über längere Zeit stehen kann –
deshalb wurde ihr ein Barhocker hingestellt, wenn sie erst warten
musste, bis das Podium frei war. Sie kam auch nur mithilfe eines kleinen
Schemels in ihren Pampers-Bomber (also in besagten Family Van). Aber
als sie nun am Sonntagmorgen in Manhattan ihre Beine gar nicht mehr
bewegen konnte, gingen jetzt die Alarmglocken an (natürlich nicht in
Germany, das lieber unter einer spätsommerlichen Käseglocke
dahindämmerte).
Zuerst hieß es, Frau Clinton wäre „überhitzt“ und hätte sich im
Appartement ihrer Tochter Chelsea erholen müssen. Aber wir erinnern uns,
liebe Leserinnen und Leser: Es hieß schon so vieles über Hillary und
ihren Gesundheitszustand. Und nicht immer hat sich alles davon im
Nachhinein als zutreffend oder wahr herausgestellt. Tatsächlich waren am
Sonntagmorgen in Manhattan um die 25°C und der Himmel war bewölkt. Es
gibt Weltgegenden, in denen es das ganze Jahr nicht kühler wird. Wie
würde es Frau Clinton dort ergehen, auf einer Staatsreise? Auch sie wird
nicht jünger, auch wenn sie sich inzwischen natürlich wieder wie mit
zwanzig fühlt. Denn als die Kandidatin sich etwas „erholt“ hatte, konnte
sie anscheinend ein paar Schritte auf dem Bürgersteig vor Chelseas
Haustür herumlaufen und überraschten Passanten zurufen, dass sie sich
super fühlt und was für ein toller Tag es doch sei.
Natürlich ist es bedauerlich, nicht mehr im Vollbesitz seiner
körperlichen Kräfte zu sein. Ich wünsche es niemandem, aus diesem Grund
seine Karriere an den Nagel zu hängen. Aber Charles Dickens hat mal
etwas sehr Kluges über Schwindler und Selbstschwindler gesagt. Ganz
platt formuliert: Keiner betrügt sich so gut, wie man selbst. Und ich
glaube, es gehört schon etwas mehr zum höchsten Amt der westlichen Welt,
als ein paar Schritte von der Haustür bis zum Auto laufen zu können.
Wenn es Frau Clinton tatsächlich so super ginge, warum muss dann so
ostentativ darauf hingewiesen werden? Es kann natürlich sein, dass sie
wirklich meint, nur unter „Sexismus“ und „Verschwörungstheorien“ zu
leiden, aber wer sich selbst ein Bild davon machen möchte, wie es um sie
bestellt ist, kann das auf der Website der Daily Mail tun, die das
Augenzeugenvideo vom Einstieg bzw. Abstieg der Ex-First-Lady vorhält.
Aber wie es nun aussieht, möchte auch die Führung der Democrat
Party der USA nicht länger tatenlos zusehen. Es ist ja auch irgendwie
peinlich, wenn man sieht, wie diese arme Frau Clinton sich bemüht und
kläglich scheitert. Angeblich ist man in den USA seit gestern Abend
fieberhaft auf der Suche nach einem Plan B, der natürlich auch eine
Personalentscheidung beinhalten müsste, wenn man es ernst damit meint.
Tatsächlich ist dieser Fall in der langen und nicht immer einfachen
Geschichte der USA noch nicht dagewesen, dass ein Kandidat nach der
Nominierung vor der Wahl ausgefallen ist. Aber die Parteispitzen
vergangener Zeiten waren offenbar besser beraten und vernünftig genug,
nur solche Personen aufzustellen, bei denen keinerlei gesundheitliche
Risiken bestehen. Man sieht nun, was passieren kann, wenn man den
gesunden Menschenverstand in den Wind schlägt. Zudem wurde in knapp 250
Jahren amerikanischer Geschichte noch nie eine Präsidentenwahl
verschoben, egal ob gerade Krieg oder sonst etwas war. Und so ökologisch
korrekten Klebstoff wie im Österreich des Briefwahlbetrugs gibt es
anscheinend nicht in den USA.
Natürlich kann man sagen „einmal ist immer das erste Mal“. Und
irgendwie steht es der Clinton-Kampagne ja auch auf die Stirn
geschrieben, dass man einen Anspruch auf die Präsidentschaft hat;
immerhin stammen derzeit alle anderen nennenswerten Regierungschefinnen
aus dem konservativen Lager. Aber seit Frau Clinton nun auch in den
offiziellen Umfragen hinter ihren Konkurrenten Donald Trump um einen
Prozentpunkt zurückgefallen ist, könnte Frau Clintons Krankheit sich als
vorteilhaft erweisen, wenn man kurzerhand eine Alternative aus dem Hut
zaubern möchte, die sich bei der Wählerschaft als zugkräftiger erweist.
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