Monday, September 12, 2016

US-Präsidentschaftswahlkampf: Diskussion über vorzeitigen Rückzug Clintons aus dem Rennen

Nachdem Hillary Clinton die Gedenkfeier zum 15. Jahrestag des radikalislamistischen Anschlags auf das World Trade Center gestern aufgrund eines Schwächeanfalls vorzeitig verlassen musste, diskutiert die Führung der Democrat Party nach Medienberichten anscheinend, durch wen sie ihre Spitzenkandidatin bei der Wahl am 8. November ersetzen könnte. Frau Clinton war am letzten Wochenende bereits durch ihre Äußerungen über „einen Haufen gescheiterter Existenzen“ („basket of deplorables“) in die Kritik geraten.


von Ramiro Fulano, zu.Zt. Washington D.C.

Knapp neunzig Minuten nach ihrem Eintreffen auf der Gedenkfeier am Ground Zero ließ sich Frau Clinton von ihrem Sicherheitspersonal diskret zum nächsten Bürgersteig bugsieren, weil sie nicht mehr gehen und stehen konnte. Gegen einen Poller gelehnt wartete die Spitzenkandidaten der Democrat Party dann mehrere Minuten auf das Eintreffen ihres Fahrzeugs. Als der Family Van schließlich vorfuhr, gelang es Frau Clinton offensichtlich nicht, die paar Schritte bis zum Einstieg ohne fremde Hilfe zurückzulegen: Ihre Knie versagten und sie stürzte. In einem Augenzeugenvideo sieht es so aus, als würde sie von ihren Begleitern auf allen Vieren in den Innenraum des Wagens gezerrt und geschoben. Es war kein würdiger Abgang für eine Person, die das mächtigste Amt der westlichen Welt bekleiden möchte.
Nachdem die Clinton-Kampagne alle Zweifel am Gesundheitszustand der Kandidatin wochenlang als „Ausdruck von Sexismus“ attackierte, heißt es jetzt, Frau Clinton habe bereits seit drei Tagen eine Lungenentzündung. Ihr dauerndes Husten in der letzten Woche wurde zuerst als „Allergie“ bezeichnet und wiederholte Aussetzer während öffentlicher Auftritte wurden als „Nebenwirkung“ einer erhöhten Histamin-Dosis abgetan. Bereits 2012 war Frau Clinton, damals noch Außenministerin der USA, sechs Monate lang wegen einer „Gehirnerschütterung“ komplett von der Bildfläche verschwunden. Aber es hieß schon so vieles über Hillary. Ein Schelm, wer sich angesichts ihrer Presseerklärungen an die medizinischen Kommuniqués aus dem guten alten Kreml erinnert fühlt. Oder an den Breschnew-Kollaps im Kanzlerbungalow bei Helmut Schmidt, seinerzeit noch in Bonn. 
Selbstverständlich ist es ein ernstzunehmendes Kommunikationsproblem, wenn das politische Personal plötzlich krank wird. Als Winston Churchill während einer Nordamerika-Reise 1942 einen kleinen Herzinfarkt hatte, wurde die Sache komplett totgeschwiegen – nicht mal der Patient wusste etwas davon (Sir Winston galt als sehr redselig und hätte sich leicht verplappern können). Und dass Präsident Roosevelt an einem Muskelschaden aufgrund von Polio litt, wurde vor laufenden Kameras ebenfalls so gut es ging vertuscht. Wichtiges Personal, das nicht ganz bei Kräften ist – wo gibt’s denn sowas? Aber seit den Tagen von Roosevelt und Churchill sind über siebzig Jahre vergangen und im Westen hat man sich daran gewöhnt, dass auch Staats- und Regierungschefs nur Menschen aus Fleisch und Blut sind. Theresa May, die Premierministern des Vereinigten Königreichs, macht aus ihrer Diabetes (und den sich daraus ergebenen besonderen Anforderungen) keinerlei Hehl – warum auch! Millionen Menschen leben erfolgreich und glücklich trotz dieser Erkrankung. 
Doch bei der Clinton-Kampagne gehen die Uhren anscheinend anders. Erst hieß es, Gerüchte über den Gesundheitszustand ihrer Spitzenkandidatin wären „Verschwörungstheorien“. Dabei war es wochenlang offensichtlich, dass Frau Clinton nicht über längere Zeit stehen kann – deshalb wurde ihr ein Barhocker hingestellt, wenn sie erst warten musste, bis das Podium frei war. Sie kam auch nur mithilfe eines kleinen Schemels in ihren Pampers-Bomber (also in besagten Family Van). Aber als sie nun am Sonntagmorgen in Manhattan ihre Beine gar nicht mehr bewegen konnte, gingen jetzt die Alarmglocken an (natürlich nicht in Germany, das lieber unter einer spätsommerlichen Käseglocke dahindämmerte).
Zuerst hieß es, Frau Clinton wäre „überhitzt“ und hätte sich im Appartement ihrer Tochter Chelsea erholen müssen. Aber wir erinnern uns, liebe Leserinnen und Leser: Es hieß schon so vieles über Hillary und ihren Gesundheitszustand. Und nicht immer hat sich alles davon im Nachhinein als zutreffend oder wahr herausgestellt. Tatsächlich waren am Sonntagmorgen in Manhattan um die 25°C und der Himmel war bewölkt. Es gibt Weltgegenden, in denen es das ganze Jahr nicht kühler wird. Wie würde es Frau Clinton dort ergehen, auf einer Staatsreise? Auch sie wird nicht jünger, auch wenn sie sich inzwischen natürlich wieder wie mit zwanzig fühlt. Denn als die Kandidatin sich etwas „erholt“ hatte, konnte sie anscheinend ein paar Schritte auf dem Bürgersteig vor Chelseas Haustür herumlaufen und überraschten Passanten zurufen, dass sie sich super fühlt und was für ein toller Tag es doch sei. 
Natürlich ist es bedauerlich, nicht mehr im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte zu sein. Ich wünsche es niemandem, aus diesem Grund seine Karriere an den Nagel zu hängen. Aber Charles Dickens hat mal etwas sehr Kluges über Schwindler und Selbstschwindler gesagt. Ganz platt formuliert: Keiner betrügt sich so gut, wie man selbst. Und ich glaube, es gehört schon etwas mehr zum höchsten Amt der westlichen Welt, als ein paar Schritte von der Haustür bis zum Auto laufen zu können. Wenn es Frau Clinton tatsächlich so super ginge, warum muss dann so ostentativ darauf hingewiesen werden? Es kann natürlich sein, dass sie wirklich meint, nur unter „Sexismus“ und „Verschwörungstheorien“ zu leiden, aber wer sich selbst ein Bild davon machen möchte, wie es um sie bestellt ist, kann das auf der Website der Daily Mail tun, die das Augenzeugenvideo vom Einstieg bzw. Abstieg der Ex-First-Lady vorhält.
Aber wie es nun aussieht, möchte auch die Führung der Democrat Party der USA nicht länger tatenlos zusehen. Es ist ja auch irgendwie peinlich, wenn man sieht, wie diese arme Frau Clinton sich bemüht und kläglich scheitert. Angeblich ist man in den USA seit gestern Abend fieberhaft auf der Suche nach einem Plan B, der natürlich auch eine Personalentscheidung beinhalten müsste, wenn man es ernst damit meint. Tatsächlich ist dieser Fall in der langen und nicht immer einfachen Geschichte der USA noch nicht dagewesen, dass ein Kandidat nach der Nominierung vor der Wahl ausgefallen ist. Aber die Parteispitzen vergangener Zeiten waren offenbar besser beraten und vernünftig genug, nur solche Personen aufzustellen, bei denen keinerlei gesundheitliche Risiken bestehen. Man sieht nun, was passieren kann, wenn man den gesunden Menschenverstand in den Wind schlägt. Zudem wurde in knapp 250 Jahren amerikanischer Geschichte noch nie eine Präsidentenwahl verschoben, egal ob gerade Krieg oder sonst etwas war. Und so ökologisch korrekten Klebstoff wie im Österreich des Briefwahlbetrugs gibt es anscheinend nicht in den USA.
Natürlich kann man sagen „einmal ist immer das erste Mal“. Und irgendwie steht es der Clinton-Kampagne ja auch auf die Stirn geschrieben, dass man einen Anspruch auf die Präsidentschaft hat; immerhin stammen derzeit alle anderen nennenswerten Regierungschefinnen aus dem konservativen Lager. Aber seit Frau Clinton nun auch in den offiziellen Umfragen hinter ihren Konkurrenten Donald Trump um einen Prozentpunkt zurückgefallen ist, könnte Frau Clintons Krankheit sich als vorteilhaft erweisen, wenn man kurzerhand eine Alternative aus dem Hut zaubern möchte, die sich bei der Wählerschaft als zugkräftiger erweist.

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