Friday, December 04, 2015

Rückgrat

Am Mittwoch wurde die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in Potsdam mit dem Abraham-Geiger-Preis für Verdienste um das Judentum ausgezeichnet. Die Ehrung wird vom Abraham-Geiger-Kolleg an der Universität Potsdam verliehen, der nach eigenen Angaben ersten akademischen Ausbildungsstätte des liberalen Judentums in Kontinentaleuropa seit Ende des Zweiten Weltkriegs.
Die Preisträgerin, so die Jury im Oktober, stehe »mit ihrem politischen Wirken über viele Jahre dafür ein, dass demokratische Grundwerte in unserer Gesellschaft und europaweit Schutz erfahren«, Angela Merkels »unverbrüchliche Solidarität« sei »in Zeiten des zunehmenden Antisemitismus in Deutschland und Europa [..] Rückgrat des Vertrauens für die jüdische Gemeinschaft«.
In ihrer Dankesrede betonte die CDU-Vorsitzende, daß »der kompromisslose Kampf gegen jede Form von Antisemitismus zwingend« zu »unsere[n] Werte[n] und unserer Gesellschaftsordnung« gehöre und dies auch für Flüchtlinge aus Ländern gelte, »in denen Antisemitismus und Hass auf Israel Teil des öffentlichen Lebens sind und von Kindesbeinen an vermittelt werden«.
Die Kanzlerin habe, meldete die tagesschau darauf, »von Migranten eine klare Absage an eine Diskriminierung von Minderheiten und an einen Antisemitismus gefordert«. In einer ihm eigenen Sprache hat der Staatsfunk erkannt, weshalb Angela Merkel eben nicht überzeugt: Sie verlangt von Zuwanderern, während ein Großteil antisemitischer »Vorfälle« auf das Konto Deutscher geht.
Und so berechtigt es auch ist, die Augen vor mit der Zuwanderung verbundenem Antisemitismus nicht zu verschließen, so verlogen ist die Warnung vor ihm zugleich, wird dabei der einheimische Antisemitismus »vergessen«. Und mehr noch: Wer bezahlt denn beispielsweise UNRWA-Lehrer, die Kindern in Syrien einst das beibrachten, was junge Erwachsene nun vielleicht mitbringen?
Wer ist derzeit ganz wild darauf, die Beziehungen zu einem Regime zu »normalisieren«, das die Auslöschung Israels und des Judentums öffentlich als Staatsziel propagiert? Wo hat jenes Ministerium seinen Sitz, das kürzlich eine Zusammenkunft deutscher und arabischer Ortsvorsteher sponserte, bei der erstere vorbehaltlos die »Nur ohne Juden«-Forderung letzterer durchsetzten?
Es gibt bestimmt weniger kompromißlose Politiker als Angela Merkel. Definiert freilich die Praxis auch und gerade ihrer Regierungsführung, was als »außergewöhnlich« gilt und daher preiswürdig ist, kommt einem doch nur das Wort erbärmlich in den Sinn. Statt sich an der Stigmatisierung bisher jedenfalls Unauffälliger zu beteiligen, arbeitete sie wahrlich besser an der eigenen Bilanz.
 tw24

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