Als die Kanzlerin im vorigen Sommer über Land fuhr, um mit „den
Menschen“ zu sprechen, sprach sie gern von der „Bereicherung“ unseres
Lebens durch die „Flüchtlinge“. Schließlich wiege dieser kulturelle
Zugewinn allemal auf, was an Problemen möglicherweise auf uns zukommen
könnte.
Und tatsächlich wird niemand bestreiten wollen, dass es in
Deutschland heute mehr zu erleben gibt als noch vor zwei oder drei
Jahren. Bunter und aufregender geht es über Tische und Bänke. Action,
wohin man schaut, am vergangenen Wochenende sogar in Hannover an der
Leine. Über 300 Männer, Frauen und Kinder hatten sich anlässlich einer
Hochzeit versammelt. Zu fortgeschrittener Stunde krachten fünf Schüsse,
eine junge Frau fiel zu Boden, tödlich getroffen, wie sich später
herausstellte. Messer blitzten, die Schlägerei begann. Die Hochzeit zu
Hannover war in vollem Gange.
Allein, wer waren die Gäste, wer hatte sich mit wem vermählt? Der
Bericht, mit dem SPIEGEL-ONLINE noch in der Nacht über das Geschehen
informierte, gab darüber so wenig Auskunft wie die Reportage des NDR am
Morgen danach. Selbst heute, zwei Tage später, gibt sich das
„Darmstädter Echo“ in einem längeren Artikel zu der „großen
Hochzeitsparty“ verschwiegen. Kein Wort über die Herkunft jener, die da
so ausgelassen feierten.
Dabei ist mangelnde Recherche gewiss das Letzte, was man den Kollegen
vorwerfen könnte. Denn einigen anderen Blättern ist immerhin, versteckt
im dritten oder vierten Absatz, zu entnehmen, dass es sich bei dem
Veranstaltungsort, das „Star Event Center“, um eine „Location“ handelt,
die „bei türkischen und kurdischen Hochzeitsgesellschaften beliebt“ sein
soll, wie etwa „Die Welt“ schrieb. Noch einen Schritt weiter wagte
sich FOCUS Online vor mit dem Satz: „Bei der Veranstaltung soll es sich
um eine kurdische Hochzeit gehandelt haben, zu der mehrere Personen
geladen waren.“ Wow! Überbieten konnte das bloß noch die FAZ, die auf
ihrer Seite „Deutschland und die Welt“ links unten eine dpa-Meldung
druckte, in der wiederum „ein Polizeisprecher“ mit der Vermutung zitiert
wurde: „Eventuell könnte der kulturelle Hintergrund eine Rolle gespielt
haben.“
Korrekt ist das alles nicht. Geht es doch weit über das hinaus, was
der Deutsche Presserat für angemessen hält. Seinem Kodex zufolge soll
von der ethnischen oder nationalen Zugehörigkeit in Verdacht geratener
Personen, möglicher oder überführter Täter kein Aufhebens gemacht
werden, wenn das zum Verständnis der berichteten Vorfälle nicht
unbedingt nötig ist. Und ganz offensichtlich war das nach Ansicht der
verantwortungsbewussteren Journalisten des Spiegel, des NDR und anderer
mehr bei der Berichterstattung über die Feier in Hannover nicht der
Fall.
Wie denn auch? Kommt es doch hierzulande alle Tage vor, dass
wenigstens 300 Menschen bei einer Hochzeit zusammen laufen, fröhlich
herumalbern und einander an den Kragen gehen. Oder geschieht das in
Deutschland eher selten, eigentlich gar nicht mehr? Ist es womöglich
schon Teil jener kulturellen „Bereicherung“, die uns die Kanzlerin
zuversichtlich in Aussicht stellte, als sie den Bürgern riet, doch etwas
offener für das Fremde zu sein?
Dann freilich wäre die zurückhaltende, vermeintlich
verantwortungsvolle Berichterstattung vieler Kollegen in Wahrheit
geradezu verantwortungslos. Unterschlüge sie doch, wem wir das
aufregendere Leben dieser Tage zu verdanken haben: Events wie die Kölner
Silvesterfeier und nun auch die Hochzeit zu Hannover.
achgut.com / Thomas Rietzschel
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