Thursday, March 17, 2016

Business as usual

In der lettischen Hauptstadt Riga marschierten am Mittwoch etwa 1.000 Neo- und noch lebende baltische Nazis auf und erinnerten an Zeiten, in denen sie an der Seite der deutschen Waffen-SS kämpften. Würden in zivilisierten Gegenden die Teilnehmer solcher Gedenkmärsche als die Verbrecher geächtet, die sie sind, werden sie im Norden der Europäischen Union geehrt.
Ganz ausdrücklich wollten weder Stadtverwaltung noch die lettische Regierung ihren Mitgliedern untersagen, den Tag der Legionäre zu feiern, der an die deutsch-baltische Waffenbrüderschaft erinnern soll, für die sich die lettischen Legionäre als engagierte Judenmörder qualifiziert hatten. Am 16. März 1944 kämpften Deutsche und Letten erstmals gemeinsam gegen die Rote Armee.
Als staatlicher Feiertag 1998 eingeführt, wird der Tag der Legionäre seit 2000 zwar nicht mehr offiziell begangen. Dennoch genießen die Kollaborateure des deutschen Vernichtungskriegs in Lettland ein hohes Ansehen als »Unabhängigkeits-« und »Freiheitskämpfer«. Und so sorgten die lettischen Behörden auch in diesem Jahr für möglichst ungetrübte Stimmung unter den Nazis.
Fünf Mitglieder der in anderen Zusammenhängen durchaus zweifelhaften VVN/BdA in Berlin wurden von der Polizei in Riga festgesetzt, bevor sie sich zu den rund 40 Gegendemonstranten gesellen konnten, die durch weiträumige Absperrungen nie in die Nähe der Nazis gelangen konnten. Einer Aktivistin wurde mit der Einreise gar der Flug nach Riga verweigert.
Hatte in der deutschen Hauptstadt noch am Dienstag der deutsche Außenministerdarsteller Frank-Walter Steinmeier erklärt, »Antisemitismus geht gegen unsere Verfassung, gegen unsere Zivilisation – gegen alles, woran wir glauben, und alles, was wir gelernt haben«, blieben er und sein Ministerium nur einen Tag später stumm zu dem antisemitischen Fest in Riga, mitten in Europa.
Via Pressemitteilung unterrichteten die deutschen Diplomaten am Mittwoch die Welt darüber, daß die Verstaatlichung von Land durch die israelische Militärverwaltung (COGAT) in den umstrittenen Gebieten sie eine »Ausweitung von Siedlungen [..] befürchten« lasse, gehe davon doch »ein falsches Signal zur falschen Zeit« aus. Jüdisches Leben »ein falsches Signal zur falschen Zeit«?
Man beginnt zu ahnen, weshalb ein staatlich wohlwollend behüteter Aufmarsch lettischer Nazis in Berlin niemanden stört.
 tw24

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