Sunday, September 03, 2017

Muslime in Deutschland: Die schöne Welt von Bertelsmann

Die deutsche Bertelsmann-Stiftung hat Ende August eine Studie herausgegeben über die Integration der Muslime in Europa. Sie liest sich über 72 Seiten wie eine einzige Erfolgsmeldung, und das gilt auch für Deutschland. 96 Prozent der Muslime fühlen sich dem Land verbunden, 78 Prozent haben in ihrer Freizeit Kontakt zu Menschen mit einer anderen Religion, die Arbeitslosigkeit bei Muslimen ist sogar niedriger als bei Nichtmuslimen. Spätestens in der zweiten Generation seien die Muslime mehrheitlich in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen. Alles wäre gut, wären da nur nicht die Deutschen. Denn auch diese wurden von der Bertelsmann-Stiftung befragt, und jeder Fünfte sagte, er möchte keinen Muslim als Nachbarn. Ausserdem seien «hochreligiöse Muslime», als die sich 40 Prozent der Befragten bezeichnen, im Jobmarkt benachteiligt. Die Studienmacher glauben, diese Religiosität und die enge Beziehung vieler Muslime zu ihren Herkunftsländern lösten bei den Einheimischen «Unbehagen» aus.Die Studie «Muslime in Europa. Integriert, aber nicht akzeptiert?» geisterte erfolgreich durch die Medien. «Die Zeit» titelte: «Integriert, aber nicht gern gesehen». Die «FAZ»: «Die Integration klappt, die Akzeptanz fehlt». Zahlen, zumal von einer angesehenen Stiftung, haben erst einmal eine gewaltige Überzeugungskraft. Bei genauerer Betrachtung fällt aber auf, dass die Studie einseitig gemacht und das Bild auf die Integration der Muslime geschönt ist.Das fängt bei den Beschäftigungszahlen an. Nur fünf Prozent der Muslime in Deutschland sollen arbeitslos sein, dagegen sieben Prozent der Nichtmuslime. Die Bertelsmann-Stiftung setzte auf die Selbstauskunft der Studienteilnehmer. Ruud Koopmans, Professor für Soziologie und Migrationsforschung an der Berliner Humboldt-Universität, kam 2016 in einer Studie zu einem anderen Befund: Muslime sind in ganz Europa weniger in den Arbeitsmarkt integriert als die sogenannte Mehrheitsgesellschaft. Die Bundesagentur für Arbeit hat im selben Jahr bekanntgegeben, dass 43 Prozent aller Arbeitslosen einen Migrationshintergrund haben. Wie geht das zusammen?Koopmans sagt auf Anfrage: «Die Bertelsmann-Stiftung publiziert Zahlen, denen jede andere Statistik widerspricht. Es sind Phantasiezahlen, die nicht repräsentativ sind.» Alle anderen Studien würden zeigen, dass Muslime in Deutschland häufiger arbeitslos sind als Nichtmuslime. «Die Studienmacher hätten sich selbstkritisch fragen müssen, ob sie diese Zahlen so überhaupt veröffentlichen sollen», meint Koopmans. Was die Benachteiligung der Muslime am Arbeitsmarkt anbelangt, kommt er ebenfalls zu einem anderen Schluss: Diskriminierung spiele eine weitaus geringere Rolle als mangelnde Sprachkenntnisse und traditionelle Wertvorstellungen. Letztere führen dazu, dass muslimische Frauen viel seltener erwerbstätig sind. Auch die Fragen der Bertelsmann-Stiftung zur Religion tragen wenig zur Klärung bei, wie gut Muslime in Deutschland integriert sind. «Wie häufig meditieren Sie?», wurde etwa gefragt, oder «Wie oft haben Sie das Gefühl, mit allem eins zu sein?». Es klingt eher nach einem Einstiegsfragebogen für ein esoterisches Seminar. Koopmans sagt: «Daran, wie oft ein Muslim in die Moschee geht oder betet, lässt sich Fundamentalismus nicht erkennen. Um das herauszufinden, hätte man Fragen zum Glaubensbekenntnis stellen müssen.» Das macht die Studie nicht, und sie schafft es damit eben auch nicht, das Unbehagen mancher Deutscher gegenüber Muslimen genauer zu ergründen. In dieser Einseitigkeit der Studie entsteht das Bild von grummelnden deutschen Nachbarn und durchwegs integrationswilligen Muslimen. Das konsequente Fazit müsste lauten, nicht Einwanderer in Integrationskurse zu schicken, sondern Deutsche.
 https://www.nzz.ch/international/muslime-in-deutschland-die-schoene-welt-von-bertelsmann-ld.1313961

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