Wednesday, August 23, 2006

Libanesen-Hochburg Essen im Visier

Im Zusammenhang mit den Ermittlungen zu den vereitelten Kofferbomben-Anschlägen und bei der Suche nach dem zweiten Verdächtigen verfolgen die Behörden Spuren nach Hamburg und ins Ruhrgebiet.
In Essen hätten Fahnder bei einem Autohändler Gasflaschen sichergestellt, die im Zusammenhang mit den gescheiterten Attentaten stehen könnten, berichtete die „Neue Ruhr Zeitung“ am Mittwoch. Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) hätten drei Objekte in der Stadt durchsucht, darunter einen libanesischen Gebrauchtwagen- und einen Lebensmittelhändler.
Libanesen-Hochburg Essen
Grund dafür sei, dass der zweite, noch flüchtige mutmaßliche Bombenleger über einen Kontakt in Essen sein Einreisevisum nach Deutschland vermittelt bekommen habe. Dem Bericht zufolge ist Essen nach Berlin die libanesische Hochburg in Deutschland. Rund 5000 Libanesen lebten dort. Die meisten von ihnen seien Bürgerkriegsflüchtlinge und etliche bereits seit den 80er-Jahren im Land.
Festnahmen in Oberhausen, Essen und Kiel
Nach ZDF-Informationen wurde in Essen ein Mann zumindest vorübergehend festgenommen. Augenzeugen berichteten zudem dem Sender Radio NRW, in Oberhausen hätten vermummte Polizeibeamte ein Haus gestürmt. Kurze Zeit später sei ein Mann zu dem Haus gekommen und habe sich widerstandslos festnehmen lassen. In Kiel soll Augenzeugen zufolge ein südländisch aussehender Mann verhört worden sein.Das „Hamburger Abendblatt“ berichtete von einer Spur, die nach Hamburg führe. Der am Wochenende festgenommene mutmaßliche Bombenleger habe dort Kontakt zu einem Deutsch-Marokkaner gehabt, der bereits Anfang Juli am Hamburger Dammtor-Bahnhof festgenommen worden sei. Bereits im Juli habe es Sicherheitskreisen zufolge Hinweise auf geplante Anschläge in Regionalzügen gegeben.
Flucht Richtung Libanon
Die beiden aus dem Libanon stammenden mutmaßlichen Bahn-Attentäter hatten sich offenbar kurz nach ihrem versuchten Anschlag zunächst nach Istanbul abgesetzt. Zumindest der flüchtige 20-Jährige solle von dort aus in den Nahen Osten geflogen sein, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ am Mittwoch unter Berufung auf Ermittler. Dort solle sich der Verdächtige immer noch aufhalten. Warum der zweite Verdächtige, der am Samstag in Kiel festgenommen worden war, nach Deutschland zurückgekehrt ist, sei unklar.Die Namen der beiden Verdächtigen fanden sich nach Angaben der Zeitung auf einer Passagierliste eines Fluges nach Istanbul, der noch am Abend des 31. Juli Deutschland verließ.
Zweiter Verdächtiger aus Köln
Drei Tage nach der Festnahme des ersten mutmaßlichen Kofferbomben-Attentäters hatten die Terrorfahnder am Dienstag auch den zweiten Hauptverdächtigen identifiziert. Seine Kölner Wohnung wurde von Beamten des Bundeskriminalamts durchsucht. Der Mann ist laut Generalbundesanwältin Monika Harms auf der Flucht.Das persönliche Umfeld des Kölner Tatverdächtigen und des in Kiel festgenommenen libanesischen Studenten werde derzeit aufgeklärt, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Beide Männer sollen Ende Juli in zwei Regionalzügen in Nordrhein-Westfalen Kofferbomben deponiert haben, die wegen technischer Mängel jedoch nicht detonierten. Das Umfeld des in Kiel festgenommenen Libanesen soll Verbindungen zu der islamistischen und anti-israelischen Partei Hizb ut-Tahrir („Partei der Befreiung“) unterhalten. Die Organisation war 2003 vom Bundesinnenministerium verboten worden.
Diskussion um Sicherheitsmaßnahmen
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sprach sich unterdessen erneut für schärfere Sicherheitsmaßnahmen aus. Der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ sagt er: „Wir müssen die Kontrolle des Internets verstärken. Dafür brauchen wir mehr Experten mit entsprechenden Sprachkenntnissen. Wir müssen auch die Kontrollen bei der Bahn und die Luftsicherheitskontrollen intensivieren. Insofern müssen wir auch in Haushaltsberatungen darüber nachdenken, was man zusätzlich tun kann.“ Die Verhaftung eines der mutmaßlichen Täter der gescheiterten Kofferbomben-Attentate sei kein Grund zur Entwarnung.
(abi/ast/Reuters/dpa)