Wednesday, January 25, 2006

Pflicht unter Landsleuten


Die Informationen über die Entführung und Freilassung von Susanne Osthoff sind widersprüchlich. Sicher ist, dass der BND eine dubiose Rolle spielte. von thomas von der osten-sacken und thomas uwer

Was ich möchte, hat mich noch nie im Leben einer gefragt. Das wäre mir jetzt neu, wenn ich diese Frage plötzlich hören dürfte. Ich höre sie gerade, aber ich kann nicht so handeln, wie ich will.« Was da spricht, ist Volkes Stimme, den Mund leiht ihr Susanne Osthoff. Seit sie aus der Geiselhaft entlassen wurde, sprudeln Sätze wie diese nur so aus ihr heraus. Und aus der Presse hallt es zurück. Susanne Osthoff sei eine »bayerische Agatha Christie«, Archäologin und »engagierte Helferin«. Sie habe ihre Tochter sitzen lassen, sei unbelehrbar, undankbar, total verrückt und habe einen ständig besoffenen Bruder, der gerne auch mal gewalttätig wird.
Nichts davon stimmt, und doch ist alles richtig. Denn Susanne Osthoff scheint direkt dem kollektiven Unbewussten der Deutschen entsprungen, und wie alles, was von dort aufsteigt, ist auch ihre Person: widersprüchlich, wirr und der Rationalität unzugänglich. Fragt man nach der Entführung, dann erfährt man, dass ihr Vermieter sie rausgeworfen hat. Will man wissen, was die Bundesregierung den Geiselnehmern für ihre Freilassung geboten hat, schwadroniert sie von »jüdischen Geheimdienstoffizieren«.
So gerne die Entführung auch als der Fall der Susanne Osthoff dargestellt wird, so trügerisch ist die Konzentration auf ihre Person. Nicht nur, dass bis heute unklar ist, wer überhaupt die Deutsche entführt hat. Wirr und widersprüchlich erscheinen auch der gesamte Ablauf und die Umstände ihrer Freilassung. Die Aussagen der involvierten Behörden Bundesnachrichtendienst und Auswärtiges Amt wirken kaum rationaler als jene der ehemaligen Geisel. Beide Behörden bemühen sich darum, jede Information zum Verlauf der Geiselnahme zu vertuschen. Je mehr aber über den »Fall Osthoff« ans Licht kommt, desto deutlicher zeichnet sich ab, dass die Angelegenheit mehr ist als eine persönliche Lebenstragödie, nämlich eine hausgemachte deutsche Nahost-Posse.
Die Rätsel beginnen im Detail: Videotapes mit erniedrigten und vor Angst schlotternden Geiseln sind Teil des Terrors. Islamistische Gruppen im Irak haben daher immer großen Wert auf die Ausstrahlung solcher Botschaften gelegt. Warum aber sandten die Entführer Osthoffs ihr Video ausgerechnet der ARD, einem Sender, der in der arabischen Welt noch seltener geschaut wird als in Deutschland? Aus gutem Grunde trägt ansonsten al-Jazeera die Bildpost des »Widerstands« aus.
Und wie kommt es, dass Osthoff von der deutschen Botschaft aus mit ihrem PKW durch einen Landesteil fährt, den andere Irakis meiden und Amerikaner nur in gepanzerten Kolonnen durchqueren? Und vor allem: In wessen Gewalt befand sich Susanne Osthoff eigentlich? Glaubt man dem Auswärtigen Amt, dann stammen die Entführer aus dem Dunstkreis sunnitisch-arabischer Gruppierungen. Davon aber gibt es viele. Glaubt man der ehemaligen Geisel, dann handelte es sich um al-Qaida. Zumindest die Behörde, die in Verhandlung mit den Geiselnehmern stand, sollte in etwa wissen, mit wem sie es zu tun hatte und wem sie das Lösegeld, Gerüchten zufolge immerhin fünf Millionen US-Dollar, überreichte. Es könnte sein, dass der nächste Sprengsatz, der in einer schiitischen Moschee oder auf einem Marktplatz in Bagdad explodiert, mit diesem Geld finanziert wurde.
Wie nunmehr gemeldet wird, sollen Mitarbeiter der deutschen Botschaft mehrere tausend Dollar in den Kleidern der Geisel gefunden haben, die aus dem gezahlten Lösegeld stammten. Waren es also Gentleman-Entführer, die der Geisel noch ein Trinkgeld mit auf den Weg gaben? Oder ist die ganze Angelegenheit, wie die FAZ mit der gebotenen Unschärfe formulierte, am Ende »von der Betroffenen selbst inszeniert« worden? Doch das könnte sie nicht allein getan haben.
Wie sich herausstellte, pflegte Susanne Osthoff Kontakte zum BND und war zumindest als Informantin für den Dienst tätig. Auch das mag ohne ihr Wissen geschehen sein: Sie habe Mitarbeitern der deutschen Botschaft Hinweise auf »drohende Gefahren oder die Lage in bestimmten Gebieten gegeben«, erklärte sie in der ARD. Das sei eine »Pflicht unter Landsleuten«. Was aber treibt eine deutsche Archäologin eigentlich in »bestimmten Gebieten«, womit nicht die Bar des Hotels Palestine gemeint ist? Welche Informationen über »drohende Gefahren« kann sie aus dem sunnitischen Kernland liefern, die so harmlos sind, dass ihr der Gedanke gar nicht erst kommt, diese könnten nachrichtendienstlich verwertbar sein?
Passen würde sie jedenfalls perfekt in das Aufgebot an dubiosen Gestalten, die im Umfeld der deutschen Vertretung in ihrem Fall tätig geworden sind: Da ist Rolfeckhard Giermann, früherer DDR-Handelsattaché in Bagdad, der ein deutsches Kulturzentrum aufbauen soll. Da ist Scheikh Dulaimi, ehemaliger Psychiater Saddam Husseins, der angeblich die Kontakte zu den Entführern herstellte, aber auch ein enger Freund von Osthoff zu sein vorgibt und ihr jenen Fahrer vermittelt haben soll, der wiederum im Verdacht steht, an der Entführung beteiligt gewesen zu sein. Und da ist ein »Deutsch-Irakischer Club«, der in den siebziger Jahren in Bagdad gegründet wurde.
Sollte es sich also bewahrheiten, dass Susanne Osthoff, möglicherweise unwissentlich, eine Informantin des BND war, dann wirft dies zugleich auch ein besonderes Licht auf den Dienst selbst. Osthoff kann kaum Sympathie für die neue irakische Regierung nachgesagt werden. In der ARD erklärte sie, sie wünsche sich, der Irak werde wieder so, wie er war, wobei sie sich ausdrücklich auf die späten achtziger Jahre bezog. Zu dieser Zeit, als das Regime Saddam Husseins sich auf dem Höhepunkt seiner inneren Macht befand, »verschwanden« Tausende von Kurden und andere Regimegegner oder wurden mit Giftgas ermordet. Auch dies mag ihr wiederum entgangen sein.
Seit den Zeiten, als Klaus Kinkel Chef des BND war, bestehen Kontakte, die vor allem durch die Ausbildung irakischer Nachrichtendienstoffiziere im bayerischen Pullach geknüpft wurden. »Besondere Verbindungen« bestanden auch zwischen deutschen Firmen und dem staatlichen »Rüstungsprogramm«, jener Behörde, welche die Produktion chemischer Kampfstoffe koordinierte. Und nicht zuletzt hat der deutsche Spitzeldienst die nachrichtendienstlichen Erkenntnisse der DDR übernommen und somit auch an jene Kontakte anknüpfen können, die dem Westen verschlossen geblieben waren. All die »guten Kontakte« haben gemein, dass sie über Funktionsträger des gestürzten Regimes entstanden. Heute sind diese Leute, wenn überhaupt, dann nur noch im so genannten Widerstand zu finden.
Was immer auch noch zu Tage treten mag, bereits jetzt steht fest, dass der BND einen schwer wieder gut zu machenden Schaden in der Region angerichtet hat. In der wahrscheinlichen Zuarbeit der Nothelferin Osthoff findet sich die pathische Vorstellung all jener im Nahen Osten bestätigt, die hinter jeder ausländischen Organisation nur das Wirken westlicher Geheimdienste vermuten. Auch in diesem Sinne ist der Fall Osthoff ein deutscher Fall: Was als Geheimdiplomatie beginnt, endet in einem lärmigen Tohuwabohu.

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