Thursday, September 27, 2007

"Du wirst bald erledigt"

Seyran Ates hat sich ein Herz gefasst. Die türkischstämmige Berliner Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin hatte seit August 2006 nicht mehr in ihrer Kanzlei gearbeitet, weil sie Angst hatte. Angst vor den Gewalt- und Morddrohungen radikaler Muslime. Vor Männern, die sie immer wieder mit Mails oder Briefen traktierten, manchmal sogar in ihre Kanzlei kamen.
"Ich bekomme weiter Drohungen, aber ich will mich nicht einschüchtern lassen", sagt sie der Nachrichtenagentur ddp. Andere brächten diesen Mut schon nicht mehr auf. "Es gibt sehr viele Kritiker des fundamentalistischen und konservativen Islam, die sich gar nicht erst zu Wort melden, weil es immer wieder Morddrohungen und entsprechende Fatwas gibt."
Der jüngste in der Öffentlichkeit bekannt gewordene Fall ist jener des Autors Günter Wallraff, der auf einer islamistischen Webweite im Internet zum Feind des Islam erklärt wurde. Wallraffs Vergehen: Er wollte in der Kölner Moschee aus dem Buch "Satanische Verse" von Salman Rushdie lesen, für das Rushdie im Jahr 1989 vom iranischen Staatschef und Religionsgelehrten Ayatollah Khomeini mit einer sogenannten Fatwa belegt worden war. Damit wurden Moslems auf aller Welt zur Tötung des Schriftstellers aufgefordert. Rushdie lebte daraufhin mehrere Jahre unter Polizeischutz und an ständig wechselnden Wohnorten. Nach eigenen Angaben hatte Wallraff dem verfolgten Autor einige Zeit Unterschlupf gewährt.
Auch der jüdische Publizist Ralph Giordano sieht sich seit Längerem Bedrohungen mutmaßlich muslimischer Eiferer ausgesetzt. Seit seiner offenen Ablehnung der geplanten Kölner Moschee erhalte er Morddrohungen, sagt Giordano.
Dem Berliner Autor Nazmi Kavasoglu geht es nicht anders. Im Juli hatte er sich zum Boykott des zweiten Integrationsgipfels durch islamisch-türkische Verbände zu Wort gemeldet. Kavasoglu kritisierte, dass diese sich "vor allem über ihre nationale und religiöse Identität" definierten. Das sei im Zeitalter der Globalisierung "eine gefährliche Form der Selbstbeschränkung". "Dafür bekomme ich nun eine Hass-Mail: ´Du wirst bald erledigt, getötet´. Aber ich lasse mich nicht mundtot machen", sagt Kavasoglu. Er hält an seinem Vorhaben fest, einen "Zentralverband der rechtsstaatlich denkenden Türken" zu gründen.
Wie unangenehm das Thema vielen Stellen ist, zeigt die Reaktion der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), dem Dachverband der Moscheenvereine: "Wir geben dazu keine Stellungnahme ab", heißt es beim Dachverband in Köln lapidar auf ddp-Anfrage. Und auch beim Bundesinnenministerium hält man sich bedeckt. Es gebe "keine besonderen Bedrohungen von Islamkritikern", sagt ein Sprecher auf ddp-Anfrage. Es gebe lediglich "Einzelfälle".
Rechtsanwältin Ates sieht das anders: "Es ist eindeutig, dass sich sowohl Drohungen als auch Attacken gegen Kritiker mehren", sagt die Anwältin. Es gehe "nicht darum, Stimmung gegen den Islam zu machen. Aber es ist nunmal eine Tatsache, dass die meisten Drohungen und Kränkungen fast ausschließlich aus islamischer Richtung kommen."
Bernd Carstensen vom Bund der Kriminalbeamten verweist auf den Fall des im November 2004 in Amsterdam auf offener Straße ermordeten Filmemachers Theo van Gogh und folgert: "Wir müssen die Bedrohungssituation auch in Deutschland ernst nehmen. Es gibt wie bei den islamischen Terroristen Leute, die den Islam als Begründung für Gewalttaten heranziehen." Es seien bereits in zahlreichen Fällen Schutzmaßnahmen angeordnet worden. "Allerdings sind in diesem Bereich noch verstärkt Zeugenschutzprogramme nötig", sagt Carstensen.
(ddp)