Wenige Tage nach den Pariser Gräueltaten: Die Leichen von mehr als
hundert Konzertbesuchern, Feiernden und Kindern sind kaum erkaltet, da
sind die Rechtfertigungsrituale bereits in vollem Gang. Dabei greifen
die gleichen kulturellen Beschwichtigungsreflexe wie bei jedem
terroristischen Akt. Es wird gefragt, was wir – der böse Westen – getan
hätten, um so etwas zu verdienen oder es wird behauptet, dass wir – der
böse Westen – mit unseren Reaktionen das Ganze nur noch schlimmer machen
würden. Unsere bloße Existenz fordert offenbar mörderische Angriffe
geradezu heraus. Und die „Dummheit“, auf solche Angriffe entweder mit
polizeilichen Aktivitäten Zuhause oder militärischen Eingriffen im
Ausland zu reagieren, rückt uns nur noch mehr ins Fadenkreuz für weitere
Angriffe. Wir sind verdammt, wenn wir nichts tun und verdammt, wenn wir
handeln. Unsere Bürger müssen sterben, weil unsere Nationen böse und
gemein sind.
Aktuell findet man zwar nur sporadisch jene vom westlichen Selbsthass
geprägten Terrorrechtfertigungen nach dem Motto „Kein Wunder, dass sie
uns angreifen“. Diese Haltung klingt etwa in einem Kommentar in der
britischen Zeitung The Guardian an, in dem solche Angriffe als
Produkt von „hoher Jugendarbeitslosigkeit“ und „rassistischer
Diskriminierung von Arabern und Afrikanern [in Frankreich]“ [1]
dargestellt werden. Hier tarnt sich ein übles rassistisches Argument
als progressive Empathie. Es wird impliziert, Afrikaner und Araber seien
in ihrer moralischen Autonomie derart zurückgeblieben, dass sie im
Gegensatz zu uns gut gebildeten Weißen gar keine andere Möglichkeit
haben, als reflexartig Dutzende Menschen niederzuschießen – als eine Art
pawlowsche Reaktion auf ihre individuellen Schwierigkeiten. Solch eine
verschrobene Argumentationslinie liefert nicht die geringste Antwort
darauf, wieso frühere Generationen von Arbeitslosen oder rassistisch
Erniedrigten nicht auf die Idee kamen, auf Rock-Konzerten Geiseln zu
nehmen und sie anschließend hinzurichten.
Man findet diese Rechtfertigungshaltung auch in einem fast schon
blutdurstig anmutenden Beitrag eines linken Journalisten, der sich
darüber zu freuen scheint, dass nun „endlich auch Menschen aus dem
Abendland eine kleinen Eindruck von der allgegenwärtigen Angst bekommen,
die Menschen anderer Nationen über Generationen aushalten mussten“ [2],
weil sich der Westen dort immer wieder militärisch eingemischt hat. Was
konnte die vierköpfige Familie, die an ihrem Restauranttisch im elften
Arrondissement abgeschlachtet wurde, vor diesem Hintergrund auch anderes
erwarten? Es ist an der Zeit, dass wir und auch sie diesen Schmerz
spüren. Diese Haltung drückt sich auch im Frankreich-Bashing, etwa in
der Aussage eines irischen Politikers, aus, das Massaker sei zwar
„schrecklich für die Opfer“ gewesen, aber – ABER! – „wann wird
Frankreich aufhören, bei der Militarisierung des Planeten mitzumachen?“ [3]
Sie drückt sich in dem zunehmenden Händeringen angesichts
befürchteter islamophober Reaktionen auf die Angriffe aus, wenn einige
Beobachter vor Gegenschlägen warnen, die „sich aus Verwirrung und Angst
speisen“. [4]
Das Ganze ist bereits zur Routine nach jedem Terrorakt geworden: Die
ersten Wortmeldungen besorgter Beobachter gelten nicht den eigentlichen
Opfern des eigentlichen Terrorismus, sondern den möglichen Opfern von
Aufständen irgendeines debilen Mobs, der nur in der Fantasie der
Kommentatoren existiert. Auch das spricht für einen tiefsitzenden
Selbsthass in westlichen Gesellschaften, wo die Medien und die
politischen Eliten sich stets davor fürchten, wie ihre eigenen so
rätselhaft erscheinenden Mitbürger sich als „verwirrte und ängstliche“
Masse verhalten werden. Sie verurteilen jeglichen Terrorismus, ja – aber
sie fürchten sich vor der Gesellschaft, in der sie leben, und
verabscheuen die Menschen, unter denen sie leben.
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