Wednesday, September 24, 2008

"Atommacht am Abgrund"

Pakistan steht nach Einschätzung westlicher Geheimdienste am Rande des Zerfalls. Die Regierung in Islamabad habe die "Zügel kaum noch in der Hand", sagte ein Vertreter des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA der Nachrichtenagentur ddp am Mittwoch in Washington.
Der CIA-Mann erklärte, die amerikanische Regierung sehe die "pakistanische Atommacht vor dem Abgrund stehen". Auch die Bundesregierung und die Parteien im Bundestag zeigen sich über die Entwicklung in Pakistan "sehr besorgt". Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hatte bereits vor längerem gewarnt, dass die pakistanischen Atomwaffen bei einer weiteren Destabilisierung des Landes in falsche Hände geraten könnten: "Atomwaffen dürfen niemals in die Hände islamistischer Terroristen geraten."Pakistan ist seit 1998 der erste und einzige islamische Staat, der nach Schätzungen der Geheimdienste über rund 50 Atomsprengköpfe verfügt. Zudem haben die pakistanischen Militärs Raketen getestet, die die Atomwaffen über weite Entfernungen tragen können. Eine "islamische Bombe" wäre der "worst case", der schlimmste Fall, für die ganze Welt, urteilten die Nachrichtendienste.Sie machten darauf aufmerksam, dass sich radikale Muslime nicht nur in beträchtlicher Zahl in den Bergregionen im Nordwesten Pakistans befinden, sondern auch verdeckt in den Reihen der Offiziere und des berüchtigten pakistanischen Geheimdienstes ISI (Inter Services Intelligence) operieren. Er steht schon lange im Verdacht, die Islamisten zu unterstützen. Ein ins Chaos gestürztes Pakistan wäre der Albtraum für die Weltgemeinschaft, hieß es.Auch der neue pakistanische Präsident Asif Ali Zardari, Nachfolger des zurückgetretenen Generals-Präsidenten Pervez Musharraf, hat nach Darstellung der westlichen Geheimdienste weite Teile seines Landes "überhaupt nicht im Griff". Besonders in den kaum zugänglichen paschtunischen Stammesgebieten im Gebirge von Nord- und Süd-Waziristan herrsche das Gesetz von Osama Bin Laden und von den mit ihm verbündeten Taliban.Von hier aus operieren die Gotteskrieger nach Afghanistan hinein. In diesem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet werde sich letztlich die "Schlacht am Hindukusch entscheiden", sagte ein CIA-Experte der ddp. Wenn es nicht gelinge, den "ständigen Zufluss" der Terroristen von Pakistan nach Afghanistan hinein zu stoppen, werde der Kampf gegen die Taliban verloren.Die Amerikaner haben daher bereits mehrere Angriffe mit Drohnen (unbemannte Kleinflugzeuge) und Hubschraubern unter Umgehung aller völkerrechtlichen Regeln auf die pakistanische Grenzregion unternommen. Sogar Spezialtrupps gingen schon über die Grenze auf pakistanisches Gebiet und töteten Taliban-Kämpfer. Zardari protestierte nachhaltig, jedoch ohne Erfolg.Der Islamwissenschaftler Brian Glyn Williams von der Universität von Massachusetts brachte es so auf den Punkt: "Sowohl die amerikanische Regierung als auch die islamischen Extremisten betrachten Pakistan als entscheidendes Schlachtfeld bei ihrer gegenseitigen weltweiten Bekämpfung", betonte Williams.Die zunehmenden Angriffe und Anschläge der Islamisten wie gerade auf das Luxushotel Marriott in Islamabad "lassen den Vormarsch der Gotteskrieger in Pakistan klar erkennen", erläuterte der CIA-Vertreter. Wie gefährlich die Situation geworden ist, zeige die Lage in der Zwei-Millionen-Stadt Peschawar im Nordwesten Pakistans. Die Stadt sei eine logistische Basis für die Taliban und stelle einziges islamistisches Pulverfass dar. Die Taliban zeigten sich unbehelligt auf den Straßen. Es gebe Gerüchte, dass die Islamisten bald Peschawar in eigene Regie übernehmen wollen. "Wenn das geschehen sollte, wäre es die erste Taliban-Metropole auf pakistanischem Boden", meinten besorgt deutsche und amerikanische Geheimdienstler.
(ddp)