Saturday, September 16, 2006

"Kein Krieg, nirgends":Henryk Broder sammelte Reaktionen zum 11. September

Andrea Übelhack
Henryk M. Broder, Kein Krieg, nirgends: Die Deutschen und der Terror.Berlin Verlag 2002, 18 Euro
Broder in Höchstform, ein wahrer Genuss, wenn auch mit fadem Nachgeschmack. Schließlich ist dieses Buch keine Fiktion, kein Roman, nichts Erdachtes. "Kein Krieg, nirgends" fasst die Reaktionen in Deutschland zum Terroranschlag des 11. Septembers zusammen und zeigt Abgründe, die schockieren und alarmieren.
In ihnen macht sich ein tiefsitzender Antiamerikanismus Luft, eine Erkenntnis, die bereits andere, so beispielsweise der Historiker Dan Diner, untersucht haben. Broder stellt die Stimmung nach den Anschlägen des 11.Septembers anhand von Zitaten aus Zeitungen, Diskussionsrunden und Talkshows dar. Dabei zeigen sich vor allem zwei Gedanken, die die Deutschen beschäftigten. Warum haben die Terroristen so gehandelt? Das heißt vielmehr, was hat man ihnen angetan, dass sie das tun mussten? Und was kann man tun, damit man selbst verschont bleibt?
Nachdem der dritte Weltkrieg, den viele vorgesagt haben, ausgeblieben ist, hielt Henryk Broder die Zeit für reif, Revue passieren zu lassen.
Broder möchte das Gesagte als eine Art Krankengeschichte festhalten, denn für ihn ist klar: "Die friedensbewegten Deutschen taten so, als redeten sie über Afghanistan, tatsächlich redeten sie über ihr Land und ihre Geschichte. Sie verurteilten die Bombardierung der afghanischen Städte, um rückwirkend gegen die Luftangriffe auf Dresden und Hamburg zu protestieren, sie solidarisierten sich mit den Opfern von heute, um darauf hinzuweisen, daß sie gestern Opfer der gleichen Mächte wurden."
Daher ist auch der Grundgedanke, dass die Amerikaner irgendwie selbst schuld sind, so besonders stark vertreten. "Haben die Amerikaner durch ihre Politik diese Taten nicht selber herbeigeführt? Haben sie nicht die Militärs in Chile unterstützt, das Klimaabkommen von Kyoto boykottiert und die ganze Welt mit Hamburgern kontaminiert?" fragt Broder sarkastisch.
Mag einem beim Lesen der Einleitung noch einiges extrem überspitzt formuliert vorkommen, vergeht dieser Eindruck mit den ersten Beispielen. Da war etwa eine Veranstaltung im Berliner Haus der Kulturen zwei Tage nach den Anschlägen. Von Manipulationen durch CNN ist die Rede, das Publikum sorgt sich um die hungernden Kinder in der Welt, Wolfgang Benz spricht von der Arroganz der Wolkenkratzer und die Kultursenatorin Berlins ergeht sich in peinlichen phallischen Hochhaus-Phantasien.
Nicht nur den deutschen "Intellektuellen" wie etwa Roger Willemsen, der der Meinung ist, der Antiamerikanismus sei "eine Erfindung der Amerikaner und ihr Versuch, das Diagnostische in den Rang einer Ideologie zu heben", hört Broder genau zu. Zu Wort kommen auch andere "wichtige Leute der Gesellschaft", die sich in Analysen ergangen sind. Darunter beispielsweise Wolfgang Joop, der es nicht bedauert, dass das World Trade Center nicht mehr steht, da es "kapitalistische Arroganz" symbolisierte. Joop führt die Motive des Anschlags auf den ungelösten Konflikt zwischen Israel und "Palästina" zurück. Durch die Unterstützung Israels durch die USA sei die arabische Welt zutiefst in ihrer Männlichkeit und Existent verletzt worden: "Wenn sich arabische Männer gedemütigt fühlen, verwandeln sie sich zu Killermaschinen, zu Rächern im Namen des Propheten", weiß Joop. Der 11. September ist also ein Resultat männlichen Frustes und der kapitalistischen Arroganz. Ein Modeschöpfer analysiert die westliche Welt und den Frust auf der anderen Seite. Da ist es uns doch lieber, er macht sich "wieder auf den Weg nach Monte Carlo, ein wandelndes Symbol der kapitalistischen Demut, immer offen für neue Lernprozesse im Kampf gegen Arroganz und natürlich auch gegen Gewalt, Mord und Terror."
Nicht besser übrigens Bumm-Bumm-Boris. Denn der hat es kommen sehen, die Gegensätze zwischen Arm und Reich in der Welt werden doch immer gravierender. Boris Becker habe sich daher schon lange gefragt, wann denn der große Knall kommen wird. Mit Henryk Broder kann man sich da nur noch wundern: "Erstaunliche Einsichten für einen, der sich mit 33 zur Ruhe gesetzt hat, dessen Vermögen auf etwa 300 Millionen Mark geschätzt wird und der offiziell nach Monaco umgezogen ist, um in Deutschland keine Steuern zu zahlen."
Nicht fehlen darf Günter Grass, das Gewissen der Nation, der schon 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft einen gewissen Rassismus festgestellt hat. Doch das ist das weniger Schockierende im zitierten Interview, fängt er doch an, Opfer und Tote gegeneinander aufzurechnen: "Während der Westen natürlich den Apparat hat, die Möglichkeiten hat, die Medien hat, in unserem Gedächtnis die fünf-, sechstausend beklagenswerten Toten in New York und Washington so hoch zu rechnen, daß die 800.000 Ermordeten in Ruanda oder die 250.000 ermordeten Moslems im bosnischen Bereich an den Rand gedrückt werden, nahezu vergessen werden. Diese Art von Zählweise gehört zum Fehlverhalten, auch zur Arroganz des Westens den Ländern der Dritten Welt gegenüber."
Interessant auch die bestechend scharfe Analyse des bekannten Norwegischen Friedensforscher Johan Galtung. In einem Interview mit Spiegel online auf die Frage, wie denn nun die Reaktion des Westens sein sollte, liest man den genialen Ratschlag: "Erstens: Denkpause. Zweitens: Dialog. Drittens: Versuche, zu verstehen, worum es geht. Viertens: Versöhnung. Und fünftens: Konflikte lösen." Was würde die Welt nur ohne Johan Galtung machen? Er ist außerdem der Meinung, daß die Amerikaner ein Gott-betrunkenes Volk seien, die sich ganz an der Spitze der Weltordnung in der Nähe Gottes sähen. Broder kontert: "Ganz anders dagegen Osama bin Laden, der mit Gott nicht verwandt ist, dafür aber einen Groll in seinem Herzen trägt, den Galtung nachvollziehen kann."
Dass man sich auf die Taliban zumindest in einem Punkt voll verlassen kann, war auch in einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Schließlich würde unter der Taliban-Herrschaft für einen gewissen Ordnungsfaktor gesorgt, die Not leidende Bevölkerung könne aus dem Ausland mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Nicht nur Broder fühlt sich davon an gewisse bekannte Argumentationsmuster erinnert, die die Nationalsozialisten als Ordnungsfaktor verharmlosen ("Schließlich hat der Hitler doch die Autobahnen gebaut..").
Im letzten Kapitel, "So was kommt von so was", listet Henryk Broder noch einige Beispiele von Zitaten und Leserbriefen auf, die einem endgültig den Hut hochgehen lassen. Das Ganze gipfelt in einem Leserbrief aus der Welt vom 21.9.2001: "Die Opfer nun mögen mir verzeihen, aber beim Anblick der zerstörten Gebäude Pentagon und Twin Towers huscht mir auch ein Lächeln über das Gesicht. Bislang haben die Amerikaner der USA immer nur Zerstörungen außerhalb ihres Landes angerichtet. Jetzt erfahren sie einmal selber, was es heißt Opfer zu sein."
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