Deutschland muss sich
möglicherweise auf mehr Flüchtlinge einstellen als bisher erwartet.
Vizekanzler Gabriel rechnet mit bis zu einer Million Flüchtlingen. Er
äußerte sich auch über die Dauer der Grenzkontrollen.
In einem
Brief an die SPD-Mitglieder, der im Internet veröffentlicht wurde, sagte
Gabriel, dass die offizielle Prognose deutlich übertroffen werden
könnte. "Vieles deutet darauf hin, dass wir in diesem Jahr nicht 800.000
Flüchtende aufnehmen, wie es das Bundesinnenministerium prognostiziert
hat, sondern eine Million", heißt es in dem Schreiben des
SPD-Parteichefs.
Gabriel verteidigte die Entscheidung, vorübergehend wieder die
Grenzen, besonders nach Österreich, zu kontrollieren. Es gehe nicht um
eine dauerhafte Schließung der Grenzen oder eine Aussetzung des
Grundrechts auf Asyl: "Jeder, der auf deutschem Boden Asyl beantragt,
darf bis zur Entscheidung über seinen Antrag bei uns bleiben. Davon
weichen wir nicht ab", unterstrich Gabriel.
Es gehe darum, in
einer "unvorhersehbaren Ausnahmesituation" die Kontrolle über die
Grenzen zu erhalten und zu einem geordneten Verfahren zurückzukehren.
Das sei ein deutliches Signal an die europäischen Partner, dass
Deutschland nicht im Alleingang alle Flüchtlinge aufnehmen könne.
Deutschland sei stark. "Dennoch haben wir in den letzten Tagen erleben
müssen, dass auch beim besten Willen unsere Aufnahmefähigkeiten an ihre
Grenzen geraten."
Seit dem Morgen fahren wieder Fernreisezüge zwischen Österreich und
Deutschland. Am Sonntagnachmittag war der Zugverkehr zwischen den beiden
Ländern auf Weisung der deutschen Bundesbehörden unterbrochen worden.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte zuvor jedoch angekündigt,
es könne in den kommenden Tagen zu weiteren Einschränkungen im
Zugverkehr kommen. "Wir brauchen einfach mehr Zeit und ein gewisses Maß
an Ordnung an unseren Grenzen", sagte de Maizière. Wie lange die
Kontrollen an der Grenze fortgeführt werden sollen, ließ der
CDU-Politiker offen.
Allein in München waren in den vergangenen
Wochen mehr als 63.000 Flüchtlinge angekommen. Die Aufnahmekapazitäten
der bayerischen Landeshauptstadt sind erschöpft. Zahlreiche Flüchtlinge
müssen im Hauptbahnhof übernachten. Auch andere Bundesländer befinden
sich wegen des Flüchtlingsandrangs nach eigenen Angaben am Limit.
Die Bundesregierung vollzog deshalb eine dramatische Kurskorrektur:
Seit Sonntagnachmittag wird an der Grenze zu Österreich wieder
kontrolliert. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung schickt der Bund 21
Hundertschaften seiner Bereitschaftspolizei nach Bayern, die bei der
Grenzsicherung helfen sollen. Bundesinnenminister de Maizière erklärte:
"Ziel dieser Maßnahme ist es, den derzeitigen Zustrom nach Deutschland
zu begrenzen und wieder zu einem geordneten Verfahren bei der Einreise
zu kommen. Das ist auch aus Sicherheitsgründen dringend erforderlich."
Die
Entscheidung sei "in der Koalition einvernehmlich beraten und
beschlossen worden". Die Innenminister der Länder hätten zugestimmt. Die
Opposition habe er persönlich unterrichtet. Auch die Regierung in Wien
sei konsultiert worden, teilte de Maizière mit. Kurz nach der Aufnahme der deutschen Kontrollen an der Grenze zu
Österreich bildeten sich in der Region eine Reihe von Staus. Auf der
Autobahn A3 vom österreichischen Linz nach Passau in Bayern kam es wegen
der Grenzkontrollen in der Nacht zum Montag zu einem acht Kilometer
langen Stau, wie der Verkehrsdienst des Bayerischen Rundfunks meldete.
Auch auf der A 8 von Salzburg nach München standen die Fahrzeuge beim
Grenzübergang Bad Reichenhall.
Im bayerischen Grenzort Freilassing nahm die Polizei wenige Stunden
nach Beginn der Grenzkontrollen einen mutmaßlichen Schleuser fest. Der
aus Italien stammende Mann hatte nach Agenturberichten in seinem Van
acht syrische Flüchtlinge bei sich. Unter ihnen waren auch Jugendliche,
von denen drei im Kofferraum des Wagens saßen. Die Flüchtlinge wurden in
Erstaufnahmeeinrichtungen gebracht.
Angesichts der humanitären
Notlage in Ungarn festsitzender, meist aus Syrien stammender Flüchtlinge
hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang September entschieden, den
Asylsuchenden die Einreise nach Deutschland zu gestatten.
msn.com
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