Friday, April 27, 2007

Ein Leserbrief an konkret

Sitzenbleiben
KONKRET 4/07: "Nachsitzen!" von Hermann L. Gremliza
Am 13. Januar 1978 hatte Daniel Cohn-Bendit Probleme in der Talkshow "Club 2" des ORF. Es ging um linke Politik, Terrorismus und die RAF. Seine Diskussionspartner waren Matthias Walden aus dem Hause Springer, Rudi Dutschke und Günther Nenning. Cohn-Bendit wollte die Ermordung Schleyers nicht rechtfertigen und nicht verurteilen. Immer wieder gezwungen, Stellung zu beziehen, enthüllte er Sensationelles: "Heydrich pflegte sehr oft, jeden Tag, mit einem anderen Herren im Auto zu fahren. Dieser andere Herr fuhr an jenem Tag (des Attentats auf Heydrich, E. S.) nicht mit ihm, deswegen ist der andere Herr nicht ermordet worden. Dieser andere Herr hieß Schleyer. Ich will jetzt folgendes sagen, so sehr ich gegen den Mord an Hanns-Martin Schleyer bin, so ekelhaft finde ich, daß seine ganze Vergangenheit einfach nicht dargestellt wird."
Die ganze Geschichte ist frei erfunden und wurde seitdem immer wieder kolportiert. Bernd Engelmann hat sie in seinem Schwarzbuch Helmut Kohl, das von Klaus Staeck 2000 neu aufgelegt wurde, wieder aufgewärmt. Hermann Gremliza hat die falsche Behauptung in seiner Kolumne zum Argument befördert.
Schleyer hatte persönlich nichts mit Heydrich zu tun. Mit dessen Politik allerdings sehr wohl. Er war einer der deutschen Exekutoren und Profiteure, die in Prag 40.000 Menschen entrechteten, ausplünderten und schließlich töten ließen. Seine Karriere in Prag hatte er als Geschäftsführer des Studentenwerks der deutschen Universität Prag im Rang eines Untersturmführers der SS begonnen. Er wechselte 1943 als Referent zum Zentralverband der deutschen Industrie in Böhmen und Mähren und arbeitete eng mit dessen Präsidenten Bernhard Adolf bei der Enteignung und Germanisierung von jüdischen und tschechischen Betrieben zusammen. Man kann Beihilfe zum Raubmord nennen, was Schleyer zu verantworten hatte.
Im November 1944 bezog das Ehepaar Schleyer eine Villa im Prager Diplomatenviertel Bubenetsch. Das jüdische Ehepaar Waigner, dem die Villa gehört hatte, war zu dieser Zeit bereits tot. Emil Waigner wurde in Mauthausen ermordet, seine Frau Marie Waignerova in Auschwitz. Schleyer wurde Ende 1944 dem Reichssicherheitshauptamt zugeteilt. 1945 entkam er mit seiner Familie. Er hätte wohl eine lange Haftstrafe zu erwarten gehabt. Dies alles und einiges mehr kann man in der großartigen Biographie Schleyers von Lutz Hachmeister nachlesen (bei DTV).
Mit Christian Klar und seinen Kumpanen hat diese Geschichte nichts zu tun. Die RAF und die Bewegung 2. Juni waren Bestandteil eines skrupellosen Krieges gegen Israel - jenen Staat, der 20.000 überlebende tschechische Juden aufgenommen hat. Klar hatte sich entschieden, als Teil der weltweiten Front gegen Imperialismus und Zionismus zu kämpfen. Untrennbarer Bestandteil dieses Kampfes waren Massaker an jüdischen Männern, Frauen und Kindern. Das revolutionäre Hinterland der RAF waren die Asylstaaten ungezählter Nazi-Massenmörder, so wie die einzige Konstante ihrer Politik das Bündnis mit den gewalttätigsten antisemitischen Organisationen und Staaten des Nahen Ostens war. Das Ziel dieser Art von Antizionismus und Antiimperialismus war und bleibt bis heute, möglichst viele Juden umzubringen und Israel auszulöschen. Ein politischer Lernprozeß in dieser grundlegenden politischen und moralischen Frage ist bei Klar nicht erkennbar.
Die weltweite Front gegen Imperialismus und Zionismus würde sich über die Freilassung von Christian Klar aus dem Gefängnis freuen. Ich könnte drauf verzichten.
Erich Später
Saarbrücken

konkret 5/07