Wednesday, May 21, 2008

Zwangsverheiratung im Sommerurlaub

Eine ungewollte Ehe auf Anordnung der Eltern zu schließen: Für die meisten Deutschen liegt so etwas außerhalb ihres Vorstellungsvermögens. Nicht so für viele junge Frauen hierzulande, die aus ländlichen, häufig muslimischen, Zuwandererkulturen stammen.
Zur Auftaktveranstaltung der Aktion am Mittwochabend versammelten sich rund 100 Zuhörer im Wappensaal des Roten Rathauses, zumeist Frauen: Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen, Wissenschaftlerinnen, Juristinnen. Auf dem Podium moderieren drei Frauen, die schon lange gegen das "menschenverachtende System Zwangsheirat" aufbegehren - mit Fachliteratur und Kampagnen, Information und Beratung oder auch Rechtshilfe: Maria Böhmer (CDU), Staatsministerin im Bundeskanzleramt und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, die Rechtsanwältin Seyran Ates, und die Soziologin Necla Kelek.
"Jede Zwangsheirat ist eine zu viel", sagte Böhmer. Jedes Jahr würden vielfach noch minderjährige Frauen, zumeist aus dem islamischen Kulturkreis, zu Ferienbeginn in die "Heimat" geschickt und kämen als verheiratete Frauen zurück nach Deutschland. Anderen bliebe der Rückweg ganz verschlossen. Manche müssten die Schule abbrechen, weil es der Ehemann es so wolle. "Zwangsheirat ist eine Form von Gewalt gegen Mädchen und Frauen", betonte die CDU-Politikerin. "Das ist ein Verstoß gegen das Menschenrecht."
Böhmer räumte ein, dass keine verlässlichen Zahlen zu Zwangsheiraten vorlägen. "Wir können aber nicht warten, bis die Empiriker fundierte Daten vorlegen." Die Integrationsbeauftragte will sich unter anderem für eine entsprechende Lehrerfortbildung und die Verbesserung des Aufenthaltsrechts einsetzen. Es dürfe nicht sein, dass eine junge Frau, die gegen ihren Willen im Ausland verheiratet und festgehalten werde, nach sechs Monaten ihr Aufenthaltsrecht in Deutschland verliere, sagte sie. Überdies sollten TV-Spots über das Unrecht Zwangsheirat aufklären.
Kelek betonte, Zwangsheiraten drohten nicht nur Frauen aus der Türkei, sondern auch auf dem Balkan, in Brasilien und in Afrika. Das Problem sei auch in islamischen Ländern weniger die Religion, sondern vielmehr ein System von patriarchalisch und archaisch strukturierten Großfamilien. Es drehe sich in solchen Gesellschaften fast alles um die Ehre der Familie, erklärte Kelek. Und nur wenn ein Mädchen als Jungfrau verheiratet würde, bleibe aus Sicht dieser Familien die Ehre gewahrt. Dabei könne zwischen Zwangsheirat und arrangierter Ehe häufig nicht klar getrennt werden.
Ates verwies auf das "völlig fehlende Unrechtsbewusstsein". Mütter und Väter, die ihre Tochter gegen ihren Willen verheirateten, begingen eine Straftat. Aber erst wenn für derartige Delikte bis zu fünf Jahre Gefängnis drohten, würden Eltern vor Zwangsheiraten vielleicht zurückschrecken, vermutete Ates.
Die Rechtsanwältin riet allen Mädchen und jungen Frauen, denen eine Zwangsheirat drohen könne, vor einer Urlaubsreise einer Vertrauensperson gegenüber schriftlich festzulegen, dass sie eine Heirat gegen ihren Willen unter allen Umständen ablehne und nach Deutschland zurückkehren wolle. Das helfe im Ernstfall bei der Suche nach Frauen, die von der Familie oder dem angeheirateten Mann im Ausland festgehalten würden.
(ddp)