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Monday, September 03, 2018

Nützlicher Idiot?

In gut zwei Wochen bittet die Evangelische Akademie Bad Boll, die darin schon Übung hat, zum Nachdenken über eine Lösung des Konflikts, der mit der (Wieder-)Gründung Israels vor 70 Jahren über die bedauernswerten »Palästinenser« hereinbrach, die damals freilich noch gar nicht so hießen. Angekündigt hat sich die Prominenz einer Szene, für die der jüdische Staat eine »Katastrophe« ist.
Von der für ihre antijüdischen Boykott-Aufrufe bekannten katholischen »Friedensbewegung« pax christi wird Karin Gerster erwartet, ebenso Abraham Melzer, den Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, einen »berüchtigten Antisemiten« nennt. Die »Free Gaza«-Veteranin Annette Groth soll auftreten, die BDS-Sympathisantin Judith Bernstein.
Eingeladen ist aber auch Michael Blume, der sich als »Antiseminitsmusbeauftragter der Baden-Württembergischen Landesregierung« vorstellen läßt. Der Christdemokrat soll zum »Spannungsverhältnis Israelkritik – Antisemitismus« sprechen und hat bereits erklärt, was er noch tun will: »Dort werde ich deutlich machen, warum ich die Boykottbewegung gegen Israel für antisemitisch halte«.
Das ist gewiß ein nobles Anliegen. Doch muß das tatsächlich in einem Umfeld geschehen, das jedem halbwegs zivilisierten Menschen suspekt erscheinen muß? Hofft der Politiker, das in Bad Boll versammelte Gruselkabinett der deutschen »Palästina-Solidarität« mit einem Vortrag innerhalb weniger Minuten resozialisieren zu können? Wunder sollen ja passieren, 2018 vielleicht in Bad Boll?
Oder hat Michael Blume nicht erkannt, daß er im Line-up der dreitägigen Veranstaltung nur als Feigenblatt fungiert? Er ist eingeladen, die Unbelehrbaren, denen kein vernünftiger Mensch Satisfaktionsfähigkeit bescheinigen würde, durch seine Anwesenheit aufzuwerten. Seiner Teilnahme hilft, einen Diskurs hoffähig zu machen, der unführbar sein sollte. Das ist kein Einsatz gegen Antisemitismus.
https://www.tw24.net/?p=3143

Monday, August 20, 2018

Von der Kälte des Retters

Baden-Württemberg leistet sich ein Referat „Nichtchristliche Religionen, Werte, Minderheiten und Projekte Nordirak“. Geleitet wurde es bis vor kurzem von Dr. Michael Blume, der als Autor in seine Vita schreibt, er sei evangelischer Christ und mit einer Muslima verheiratet. Weiter heißt es da über Blume „2015/16 verantwortete er das Sonderkontingent des Landes für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak.“ [...] Mindestens eine dieser Frauen ist nun ausgerechnet in den Nordirak zurückgekehrt. Und sie begründet ihre Rückkehr in einem Youtube-Video damit, dass sie in Deutschland von ihrem ehemaligen IS-Peiniger aufgespürt wurde und sich seitdem bedroht fühlt. Die deutschen Sicherheitsbehörden, die sie in ihrer Not kontaktierte, hätten ihr nicht jene Sicherheit geben können, die nötig gewesen wäre.
Michael Blume war mit dieser Frau bekannt. Wie er nun allerdings diesen Fall kommentiert, muss als wesentlicher Teil dieser Verstörung betrachtet werden, wenn Blume gegenüber dem SWR sagt: Am besten bei der Begegnung des Terrors sei Ruhe und nicht Panik.Worte, wie schallende Ohrfeigen. Und mindestens ein Maß an Empathielosigkeit, das sprachlos macht, wenn einer traumatisierten Jesidin, die ausgerechnet in Deutschland ihrem Peiniger begegnet, weil auch dieser hier mutmaßlich Asyl beantragt hat, gesagt bekommt, sie solle demjenigen, der sie terrorisiert hat, mit Ruhe begegnen, anstatt mit Panik. Die heute 19-jährige ist zwar umgehend zur Polizei gegangen, doch die konnte offenbar nichts für sie tun, berichtet der Südwestdeutsche Rundfunk. Als über einen viel zu langen Zeitraum nichts passierte, flüchtet die junge Frau wieder zurück in den Irak, weil sie sich in Deutschland nicht mehr beschützt fühlt.Zunächst einmal liest sich das wie ein ungeheures Versagen derer, die Schutz angeboten, die eigens ein Sonderkontingent aufgemacht haben, die Mitarbeiter mehrfach in den Nordirak schickten, um diese misshandelten und ihrer Freiheit beraubten Frauen in Sicherheit zu bringen. Michael Blume war wie gesagt mit der jungen Frau persönlich bekannt. Nun erklärt eben dieser Blume, er könne das Bedürfnis der Frau, wieder zu fliehen, nachvollziehen. Jedoch sei nicht geklärt, ob die Erinnerung dem Opfer vielleicht nicht einen Streich gespielt hat.
Mal davon abgesehen, wie menschlich ungeheuerlich diese Aussage ist, völlig unabhängig davon, ob ihr im Kern doch eine Wahrheit innewohnen könnte, müsste hier doch an erster Stelle ein Vorschuss an Glaubwürdigkeit stehen, der dringenden und zügigen Handlungsbedarf diktiert. Kam aber nicht. Stattdessen legte Blume noch nach und erklärt den langen Zeitraum zwischen dem ersten Kontakt der jungen Frau mit der Polizei und der nun endlich aufgenommenen Arbeit der Bundesanwaltschaft mit den umfangreichen Ermittlungen der Polizei, die jetzt ihre Möglichkeiten ausgeschöpft hätte. [...] Aber dabei belässt es Michael Blume nicht. Die Empörung über das Versagen der Schutzbeauftragten, der Polizei und Staatsanwaltschaften, die Empörung nicht zuletzt über Blumes Kommentare, sind für Blume selbst eine „digitale Erregung“. Wer also empathisch die Panik der Jesidin nachvollziehen kann – und ein Übermaß an Empathie braucht es nicht einmal dazu –, wer Mitgefühl formuliert, ist nur Teil einer unliebsamen digitalen Erregung? Dass es nun aber so eine digitale Erregung ist, die solche Fälle überhaupt erst öffentlich machen, scheint nun wieder Blume besonders zu erregen, wenn er weiter ausführt, die Jesidin hätte im Internet „falsche Freunde“, die gar nicht die Absicht hätten, die neuen Medien verantwortlich zu nutzen. So wird aus dem ungeheuren individuellen Versagen jener, die Schutz versprochen haben, eine allgemeine Kritik der Chancen und Gefahren des Internets. Auf Facebook schreibt Blume: „Lasst uns also bitte aufhören, mit ‚digitaler Panik‘ und Gerüchten Terroristen und Rechtspopulisten auch noch zu füttern!“Michael Blume schadet all das allerdings wenig. Er wurde Anfang des Jahres als „hochgeschätzter Experte für Religionsfragen“ zum neuen Antisemitismusbeauftragten der Landesregierung ernannt. Kein geringerer als Ministerpräsident Kretschmann selbst erklärte zur Ernennung Blumes: „Wir alle müssen dafür Sorge tragen, dass Minderheiten bei uns nicht angegriffen und kein Keil in unsere Gesellschaft getrieben wird“.Halten wir also fest: Wenn ein nach Tunesien ausgewiesener Gefährder wegen Verfahrensfehler nach Deutschland zurück geholt werden muss, aber eine Jesidin, die ausgerechnet hier auf so einen Gefährder trifft, der auch noch ihr ehemaliger Peiniger sein soll, die daraufhin panisch ausgerechnet in jenes Land zurück flieht, welches Ort ihrer Versklavung war, dann läuft etwas grundsätzlich schief in Deutschland. Allerdings können wir nun, was schief läuft, immerhin an Personen festmachen. Und Michael Blume ist so eine Person, die offensichtlich aus politischen Beweggründen ein paar der elementarsten Vorraussetzungen für seine Arbeit über Bord geworfen hat: Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und eben jene Empathie, die im Umgang mit traumatisierten Menschen unerlässlich sein muss.

https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/alexander-wallasch-heute/von-der-kaelte-des-retters/