Wednesday, August 29, 2007

Mord im Namen der "Ehre"

Der "Ehrenmord" an der 23 Jahre alten Berliner Deutsch-Türkin Hatun Sürücü im Februar 2005 ist kein Einzelfall: Nach einer Erhebung des Bundeskriminalamts sind von 1996 bis Mitte 2005 in Deutschland 48 Menschen Opfer so genannter Ehrenmorde geworden. Getötet wurden 36 Frauen und 12 Männer, darunter deutsche Lebensgefährten von Migrantenfrauen.
"Die Dunkelziffer ist auf jeden Fall höher", ist sich Sibylle Schreiber von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes sicher. Viele "Ehrenmorde" würden vertuscht. Manche Mädchen, die gegen die Familienehre verstoßen haben sollen, werden von ihren Angehörigen zum Selbstmord gezwungen, sagt Schreiber und berichtet zum Beispiel von einer jungen Frau, die auf Druck der Familie vom Balkon gesprungen sei. Oft würden "Ehrenmorde" als Selbstmorde oder Unfälle getarnt.
Morde seien bei so genannten "Verbrechen im Namen der Ehre" nur die "Spitze des Eisbergs", warnt Schreiber. Es sei erschreckend, was sich wegen des Ehrverständnisses in manchen Familien abspiele. "Das ganze Leben und die Entfaltungsfreiheit der jungen Frauen wird im Namen der Ehre eingeschränkt", sagt die Referentin von Terre des Femmes. Dazu zählten Kontaktverbote mit Jungen, erzwungene Schulabbrüche, körperliche Gewalt oder Zwangsehen. 14 einschlägige Hilferufe pro Monat gingen 2006 durchschnittlich bei der Frauenrechtsorganisation ein.
Für den Mord an Hatun Sürücü war ihr mittlerweile 21-jähriger Bruder Ayhan im April 2006 zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilt worden. Er hatte bei seinem Geständnis vor Gericht angegeben, dass er ihren westlichen Lebensstil als Kränkung der Familienehre empfunden habe. Den Freispruch seiner zwei älteren Brüder hob der Bundesgerichtshof am Dienstag auf.
Terre de Femmes bestätigt, eben diese Methode werde bei "Ehrenmorden" häufig angewandt: Meistens werde der jüngste Mann der Familie ausgesucht, da im Falle einer Verurteilung mit einer milderen Strafe zu rechnen sei. "Aber die ganze Familie steckt dahinter", ist sich Schreiber sicher. Dies sei jedoch schwer nachzuweisen. Eine mögliche Verurteilung der beiden älteren Brüder Sürücüs wäre nach Ansicht Schreibers daher ein "ganz wichtiges Signal an Familien", da die übrigen Familienmitglieder oft unbestraft blieben.
Die Organisation weist auch darauf hin, dass Hilfe suchende Betroffene von Jugendämtern oder Ausländerbehörden oft nicht ernstgenommen würden. Es werde als "kulturelle Angelegenheit oder Familienproblem" abgetan. Schreiber fordert daher Fortbildungen für die Mitarbeiter von Ämtern, Polizei und Schulen sowie ein stärkeres Bewusstsein für die Problematik.
(ddp)